Überblick Karin Kneffel, Ohne Titel (Kleine Kirsche), 1997
Ohne Titel (Kleine Kirsche)
Öl auf Leinwand ; 1997 ; 20 x 21 cm
Rückseitig signiert, datiert und "(F4)" bezeichnet
Provenienz:
Atelier der Künstlerin; Privatsammlung Süddeutschland
Bekannt wurde Karin Kneffel für ihre Arbeiten, die die Malerei nach ihrer zeitgenössischen Aktualität hinterfragen sollten. Malte sie zunächst gewöhnliche Stalltiere, die sich in Format und Form an altmeisterlichen Portraits an­­lehnen, so wechselt sie im Verlauf der 1990er Jahre zu klassischen Genres wie Landschaften, Interieurs oder Stillleben. Im Mittelpunkt ihres frühen Schaffens stand die Auseinandersetzung mit dem Bild als Repräsentant eines Realismus, der sich jedoch als allzu manipuliert entpuppt.
Unser Werk »Kleine Kirsche« von 1997 ist beispielhaft für Kneffels Vorliebe der idealisierten Überhöhung eines allzu schlichten Motivs. Scheinbar schwebend vor einem grauen Hintergrund, betrachtet man eine reife Kirsche, die bildfüllend in das Zentrum gerückt ist. Der Stengel der Kirsche lässt vermuten, dass sie noch an einem Baum hängen mag, doch bleibt die gewählte Perspektive un­schlüssig: Mit Blick gegen den Himmel gerichtet, müsste sie eigentlich von unten abgebildet sein. Nicht nur eliminiert sie zusätzlich jegliche Proportionshilfen, die Aufschluss über die Größe der dargestellten Frucht und den Ort geben würden. Auch verzichtet sie auf jegliche Kontextualisierung der Kirsche im Bild, sodass die isolierte Darstellung ihr eine ikonenhafte Aura verleiht. Der strah­­lende Glanz der Oberfläche mit dem glänzenden Lichtpunkt auf der Wölbung der Kirsche zeugt von einer künst­­lichen Lichtquelle, die eher im Fotostudio als in der Natur beheimatet ist.
Ähnlich wie ihr Lehrer Gerhard Richter, greift Kneffel auf fotografische Vorlagen für ihre Arbeiten zurück. In der Übertragung vom Foto auf die Leinwand verfremdet sie die Motive wie beschrieben mit sehr subtilen Mitteln, um die für ihre Malerei typische Irritation beim Betrachter zu erzeugen. Kneffel selbst erklärt ihre Arbeitsweise und gleichzeitig das Faszinosum ihrer Malerei wie folgt: »Was ich male, gibt es auf Fotos so gar nicht. Dort finde ich nur Versatzstücke für meine Malerei, ohne die ich Einzelelemente im Bild nicht so präzise darstellen könnte, wie es mir wichtig ist. Ausgehend von diesen Vorlagen finde ich meine Motive letztendlich erst beim Malen, über einen längeren Zeitraum formen sie sich aus. In der Kunst geht es um das Erzeugen eines Zweifels, um etwas, das man selber noch nicht ganz verstanden hat. Das ist mein Antrieb. Kunstwerke erzeugen einen Haltegriff, der im Moment des Zugreifens verschwindet.«1 Und so gelingt es Kneffel, den Moment des Zweifels mit einer einfachen Kirsche hervorzurufen, der sie seltsam vertraut, aber doch gleichzeitig ganz unnahbar erscheinen lässt.

1 Karin Kneffel, in: Susanne Wedewer, »Blicke hinter die Kulissen«,
Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Nr. 84, Heft 27, München 2008, S. 4.
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