Überblick Max Liebermann, Die Blumenterrasse im Garten des Künstlers am Wannsee nach Nordwesten, Frühjahr 1927
Die Blumenterrasse im Garten des Künstlers am Wannsee nach Nordwesten
Pastell auf Papier ; Frühjahr 1927 ; 12 x 19 cm
Signiert
Expertise: Drs. Margreet E. Nouwen, Berlin
Provenienz:
Privatsammlung Europa (deutschsprachiger Raum)
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2018", Düsseldorf 2018
1909 erwirbt Max Liebermann eines der letzten noch freien Wassergrundstücke in der sog. Alsen-Siedlung am Wannsee und beauftragt den Architekten Paul Otto Baumgarten, dort ein prachtvolles Landhaus mit Atelier bauen zu lassen. Bereits 1920 bezieht Liebermann das Haus und betraut Alfred Lichtwark, den bedeutenden Kunsthistoriker und Direktor der Hamburger Kunsthalle, mit der Planung eines parkähnlichen Gartens. Bis zu seinem Tod 1935 verbringt Liebermann vor allem die Sommermonate am Wannsee und erschafft hier einige seiner schönsten Werke. Die üppige Vegetation, die schier unerschöpfliche Farbpalette und das lebendige Licht- und Schattenspiel im Wandel der Tageszeiten sind fortan eine unerschöpfliche Quelle für malerische Motive und Ausgangspunkt seines fulminanten Alterswerks. Die Gartenanlage zeichnet sich durch eine klare formale Anordnung aus. Auf der dem See zugewandten Seite schließt eine geräumige Terrasse an das Haus an, welche dem Maler nicht nur als Aufenthaltsort, sondern auch als Freilichtatelier dient. Von hier aus fertigt Liebermann zahlreiche Ansichten unterschiedlicher Details seines Gartens. Begrenzt wird die Terrasse von einer kleinen Stützmauer, auf dessen anderer Seite sich die aufwändig gestalteten und von Kieswegen und Buchsbaumhecken umlaufenden Blumenrabatten befinden. Hans Oswald, Schriftsteller und Freund Liebermanns, fasst zusammen: »Hier nun, wo andere ihre Sommerruhe gesucht und gefunden hätten, fand Liebermann nur eine Ruhe in ewig sich gleichbleibender Schaffenslust. Jeder Winkel des Gartens, bald die Birken als Hintergrund, bald die Blumenbeete in ihrer üppigen Farbenpracht, bald eine Gartenecke mit einer Bank und dem Enkelchen und deren Erzieherin, bald die mit zwei Baumreihen bepflanzte Straße hinter dem Haus entlang: immer wieder malerische Motive.«1
Vereinzelt tauchen Gärten bereits 1870–1889 im Oeuvre Liebermanns auf, doch erst nach 1908 entdeckt er sie zaghaft als unabhängiges Bildthema. Intensiver wird die Beschäftigung, als ihm der Kriegsausbruch 1914 seine regelmäßigen Reisen nach Holland unmöglich macht und sich sein Lebens- und Schaffensmittelpunkt endgültig ganz nach Berlin und an den Wannsee verlagert. Insbesondere der Nutzgarten ist fortan Ausgangspunkt zahlreicher Arbeiten. Dabei stellen die Kreidestudien meist virtuose, spontan ausgeführte Ausdrucksvariationen der in Öl gemalten Fassungen dar. Unser in fröhlichen, zarten Farben gefasstes Pastell zeigt die Blumenterrasse in Richtung Nordwesten blickend. Der Künstler wählt die erhöht liegende Terrasse als Betrachterstandpunkt, um die Szenerie in leichter Aufsicht zeigen zu können. Das Werk ist eine für Liebermann typische, momentane Impression, die auch sein Interesse an den wechselnden Lichtverhältnissen zeigt. Vergleicht man unser Pastell mit früheren Gartenansichten, wird der veränderte Blick auf die Umgebung sowie die zunehmend kühne malerische Umsetzung nachvollziehbar. Wir erblicken hier einen spontan festgehaltenen, unmittelbaren Natureindruck, der in auffallend gelockertem Duktus festgehalten ist. Die ehemals dezent reduzierte Farbpalette ist großzügig erweitert und durch ein intensiv leuchtendes Kolorit ersetzt. Unwillkürlich fällt die Nähe zu Gartenansichten der von Liebermann bewunderten, französischen Impressionisten auf. Dem Künstler gelingt es, den Betrachter mit seinen Darstellungen derart zu fesseln, dass es kaum möglich erscheint, sich dieser farbprächtigen Blütenfülle zu entziehen.

1 Hans Oswald (Hg.), »Das Liebermann-Buch«, Berlin 1930, S. 346.
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