Überblick Franz Gertsch, Die sieben Weisen (Ufersteine), 2003
Die sieben Weisen (Ufersteine)
Holzschnitt auf Kumohadamashi Japanpapier ; 2003 ; Darstellung: 57,8 x 75,4 cm Blatt: 71,6 x 89,5 cm
Rückseitig signiert
Provenienz:
Atelier des Künstlers; Privatsammlung Bern
Bekannt wurde der Schweizer Künstler Franz Gertsch in den frühen 1970er Jahren zunächst vor allem in den USA, bevor er u.a. auf der documenta V sowie auf der Biennale di Venezia ausgestellte. Geprägt durch die Pop-Art und des sich etablierenden neuen Fotorealismus, war Gertschs künstlerische Haltung davon getragen, die Grenzen zwischen High und Low in der Kunst aufzulösen. Seine Arbeiten wurden als Bestandsaufnahme und Dokumentation einer jungen Gegen- und Subkultur gelesen, bei denen Gertsch das alltägliche Leben der Protagonisten ins Monumentale auf die Leinwand vergrößerte. Mit der Beobachtung, dass man sich bereits seinerzeit »daran gewöhnt hat, die photographische Wirklichkeit für die höchste Wiedergabe des Wirklichen zu halten«1, arbeitete er wie viele Künstler ausschließlich mit Fotografien als Vorlagen für seine Arbeiten.
1986 entdeckt Gertsch den klassischen Holzschnitt für sich. Er stößt mit seinen Drucken an den Rahmen des Möglichen, indem er Arbeiten von immenser Größe anfertigt, die häufig auch Unikatcharakter haben und damit dem Anspruch des Vervielfältigungsmediums eigentlich widersprechen. Bis heute sind nur etwa 40 großformatige Motive entstanden, die auf handgeschöpftem Japanpapier in chromatischen Nuancen wechselnder Farbtöne jeweils von Hand abgezogen werden. Mit dem Wechsel des Mediums geht auch ein Wandel in den Motiven einher. Anstelle von Partyportraits widmet sich Gertsch zeitlosen Momentaufnahmen der Natur. In Form von Serien entstehen zahlreiche Variationen von Landschaftsdarstellungen. Grashalme, bewegte Wasseroberflächen, Flussläufe oder Einblicke in scheinbar unberührte Wälder zählen zu seinen bevorzugten Bildvorlagen. Von seinen Arbeiten gibt Gertsch in der Folge Detailansichten im kleineren Format heraus, wodurch der Abstraktionsprozess weiter voranschreitet. Seine Bilder imitieren die Illusion einer Naturähnlichkeit, doch von ihrem Kontext befreit und durch die Übertragung auf die Druckplatte entfernen sich die Motive immer mehr von ihrer fotografischen Vorlage. Die monochromen Farben tragen ebenso zur Verfremdung bei, sodass die schlichte Nachahmung verweigert wird, und stattdessen immer die »Balance zwischen Abstraktion und Realismus«2 gesucht wird.
Unser Werk »Die sieben Weisen (Ufersteine)« ist ein Detail der größeren Arbeit »Schwarzwasser« von 1995. Das Blatt gibt den Blick auf ein nicht näher definiertes Ufergewässer frei, auf dessen Oberfläche zahlreiche Spiegelungen und ein leichter Wellengang erahnbar sind. Es gibt keine räumliche Perspektive, keine Tiefe, auch Vorder- oder Hintergrund werden komplett ausgeschaltet, sodass sich eine sonderbare Flächigkeit ergibt. Der reduzierte Ausschnitt sowie mangelnde Hinweise auf jegliche Größen- oder Tiefenverhältnisse, lassen es unmöglich erscheinen, das räumliche Ausmaß der betrachtenden Fläche zu begreifen. Schwarz gefärbt, weckt es zudem eher Erinnerungen an kosmologische Landschaften. Gertschs Werke sind auch als »Landschaften in der Landschaft«3 zu verstehen, sie sind Ausdruck von Zeitlosigkeit und beanspruchen entgegen des steten Drangs nach Schnelligkeit einen Moment der Ruhe für sich.

1 Zitat Franz Gertsch, in: Andrea Firmenich/Johannes Jannsen (Hg.), »Franz Gertsch. Holzschnitte. Aus der Natur gerissen«, 2013 Köln, S. 93.
2 Zitat Franz Gertsch, in: ebd., S. 91.
3 Zitat Franz Gertsch, in: ebd., S. 93.
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