Überblick Marino Marini, Idea del Cavaliere, 1971
Idea del Cavaliere
Farblithographie auf Arches-Papier ; 1971 ; Darstellung: 54 x 40,7 cmBlatt: 69,5 x 50 cm
Signiert, "13 /50" nummeriert und "Cavalier rouge" bezeichnet
Provenienz:
Sammlung Springmann, Wuppertal
Literatur:
Giorgio Guastalla, "Marino Marini: Catalogue Raisonné of the Graphic Works. 1919-1980", Livorno 1993
Im Oeuvre Marino Marinis begegnet man ihnen immerwieder, bunten und expressiven Darstellungen von Pferden und ihren Reitern. Sie sind das wohl bekannteste Motiv des toskanischen Künstlers, welches er immer wieder variiert und neu erfindet.
Geht es ihm zunächst um die reine Darstellung an sich, um einen Anachronismus aus den Anfängen der italienischen Geschichte, ein Symbol von Herrschaft und Macht, das in seiner Darstellungsweise und Beschaffenheit dem archaischen Formenkanon entnommen ist, so erfährt das Motiv nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges eine radikale Umdeutung. Seine Figuren werden immer abstrakter und vermitteln auf inhaltlicher Ebene nun zeitaktuelle Phänomene. In nahezu abstrakten Chiffren werden sie Ausdruck eines Kampfes gegen die Verzweiflung und symbolisieren, so Marini, seine Besorgnis bei der Betrachtung der Welt unserer Tage.1 Die Pferde bilden nun keine harmonische Einheit mehr mit dem Menschen, sondern werden immer widerspenstiger. Auch wenn in unserer Lithographie »Idea del Cavaliere« Pferd und Reiter sowohl in ihrer Haltung als auch ihrer farbenfrohen und warmen Farbgebung einander entsprechen und eine Widerspenstigkeit augenscheinlich nicht erkennbar ist, so spielt doch der Titel der Arbeit auf einen kontroversen Aspekt an. Die Darstellung zeigt uns nämlich lediglich die »Idea«, die Vorstellung des Reiters. Was aus seiner Sichtweise eine harmonische Beziehung zwischen Pferd und Reiter ist, lässt sich aus einer anderen Perspektive als Metapher der Vorherrschaft und Überlegenheit deuten.
Eben diese vermeintliche Überlegenheit des Menschen versinnbildlichen Marinis Arbeiten aus der Zeit nach 1950. Sind die Kompositionen auf den ersten Blick auch noch so farbenfroh, so dominiert auf intentioneller Ebene die Angst vor etwas scheinbar inzwischen weitaus Unkontrollierbarerem als dem Krieg. »Men have discovered something which is greater than them, which they can no longer dominate, which is becoming dangerous to humanity.«2 Wovon er spricht, ist die omnipräsente Bedrohung durch eine atomare Katastrophe.

1 Vgl. Pierre Casè (Hrsg.), Marino Marini, Mailand 1999, S. 13. 2 Vgl. ebd. S. 25.
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