Überblick Karin Kneffel, Ohne Titel, 1996
Ohne Titel
Öl auf Leinwand ; 1996 ; 30 x 30 cm
Rückseitig signiert und datiert und "(F XXXII)" bezeichnet
Provenienz:
Atelier der Künstlerin; Le Case D’Arte, Mailand (1996); Privatsammlung Mailand
Ausstellung:
Le Cse D'Arte, Mailand 1996
Bekannt wurde Karin Kneffel für ihre Arbeiten, die die Malerei nach ihrer zeitgenössischen Aktualität hinterfragen sollten. Malte sie zunächst gewöhnliche Stalltiere, die sich in Format und Form an altmeisterliche Portraits anlehnen, so wechselt sie im Verlauf der 1990er Jahre zu ebenfalls klassischen Genres wie Landschaften, Interieurs oder Stillleben. Im Mittelpunkt ihres frühen Schaffens stand die Auseinandersetzung mit dem Bild als Repräsentant eines Realismus, der sich jedoch als allzu manipuliert entpuppt. Unser Werk »Ohne Titel« von 1996 zeigt beispielhaft Kneffels Vorliebe für eine idealisierte und überhöhte Darstellung eines schlichten Motivs. Scheinbar schwebend vor einer sich im Hintergrund dunkel abzeichnenden Stadtsilhouette, sieht man in der Nahsicht drei reife, rot leuchtende Kirschen samt Stängel. Die Stängel lassen vermuten, dass sie noch an einem Baum hängen. Die gewählte Perspektive ist ungewöhnlich: Trotz der Nahsicht erscheinen die Früchte viel zu groß, bis auf die im Hintergrund liegende Stadt, sind keine anderen Details zu finden, die einzelnen Proportionen lassen sich also nur schwer vergleichen und zuordnen. Die Kirschen sind ohne Zweifel das Zentrum des Bildes, der strahlende Glanz der Oberfläche mit reflektierenden Lichtpunkten zeugt eher von einer künstlichen Lichtquelle, als das sie einen spontanen Natureindruck wiedergeben würde. Ähnlich wie ihr Lehrer Gerhard Richter, greift Kneffel auf fotografische Vorlagen für ihre Arbeiten zurück. In der Übertragung vom Foto auf die Leinwand verfremdet sie die Motive wie beschrieben mit sehr subtilen Mitteln, um die für ihre Malerei typische Irritation beim Betrachter zu erzeugen. Kneffel selbst erklärt ihre Arbeitsweise und gleichzeitig das Faszinosum ihrer Malerei wie folgt: »Was ich male, gibt es auf Fotos so gar nicht. Dort finde ich nur Versatzstücke für meine Malerei, ohne die ich Einzelelemente im Bild nicht so präzise darstellen könnte, wie es mir wichtig ist. Ausgehend von diesen Vorlagen finde ich meine Motive letztendlich erst beim Malen, über einen längeren Zeitraum formen sie sich aus. In der Kunst geht es um das Erzeugen eines Zweifels, um etwas, das man selber noch nicht ganz verstanden hat. Das ist mein Antrieb. Kunstwerke erzeugen einen Haltegriff, der im Moment des Zugreifens verschwindet.«1 Und so gelingt es Kneffel, den Moment des Zweifels mit einer einfachen Kirsche hervorzurufen, der sie seltsam vertraut, aber doch gleichzeitig ganz unnahbar erscheinen lässt.

1 Karin Kneffel, in: Susanne Wedewer, »Blicke hinter die Kulissen«, Kritisches Lexikon
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