Überblick August Macke, Ottilie Macke, am Tisch mit aufgestützter Wange lesend, 1906
Ottilie Macke, am Tisch mit aufgestützter Wange lesend
Kohle, Bleistift und Tusche auf Papier ; 1906 ; 21 x 29 cm
Signiert und datiert
Entstammt vermutlich einem aufgelösten Skizzenbuch, vgl. Werkverzeichnis Heiderich 1993 Nr. 83-86
Bestätigung: Ursula Heiderich, Syke
Provenienz:
Sammlung Dr. Jonas und Elise Cohn, Freiburg/Birmingham (bis 1954); Sammlung Hans Ludwig Gottschalk (Wien/Salzburg); Sammlung Hans Benedict Gottschalk; Privatsammlung England
Seine frühen Studienjahre (1904-1906) verbringt August Macke an der königlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Verärgert über den starren und dogmatischen Lehrplan, wechselt er jedoch schon bald an die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, die ihm weitaus mehr Anregungen vermittelt. Stets bewaffnet mit einem Skizzenblock, orientiert er sich an seiner Umwelt. Die im Frühwerk sehr zahlreichen Porträts zeigen sein Bestreben, die Persönlichkeit der Dargestellten zum Ausdruck zu bringen. Stets sind es Bilder der Nähe und neben ihrer schlichten Schönheit, dokumentieren sie vor allem die innere Gefühlswelt des Künstlers sowie seine zurückhaltende als auch überaus intime Annäherung an die Welt und die Verbindung zu ihm nahestehenden Personen. Viele seiner Werke zeigen uns Menschen aus seinem näheren Umkreis; meist sind es Freunde, häufig seine Frau Elisabeth, oft auch Verwandte oder seine beiden Schwestern Ottilie und Auguste.
Meistens portraitiert er sie bei alltäglichen Arbeiten, sei es backend oder nähend, lesend oder in träumerischer Versunkenheit. Die Haltung und Mimik der Personen erscheinen dabei in sich ruhend, beinahe unbewegt. Meist richten sie sich nach Innen, wirken konzentriert und zugleich entspannt. So entsteht der Eindruck eines Gleichgewichts aller körperlichen und seelischen Kräfte, einer unbezweifelbaren Harmonie der Dargestellten mit sich und der Welt.1
Eindrücklich nachvollziehbar ist diese Harmonie in dem Bildnis von »Ottilie Macke, am Tisch mit aufgestützter Wange lesend«, eine recht frühe Skizze der Schwester des Künstlers. Mit einigen wenigen Konturlinien sowie leichten und stärkeren Schraffuren skizziert er sie, dem Betrachter im Dreiviertelprofil zugewandt. Vor ihr liegt ein aufgeschlagenes Buch, in dessen Lektüre sie, vertieft zu sein scheint. Links von der Kohlezeichnung, die etwa zwei Drittel des Blattes einnimmt, befinden sich zwei mit Tusche angefertigte Kopfstudien im Dreiviertelprofil. Die Skizze lässt sich zeitlich in die erste Phase von Mackes intensiver zeichnerischer Tätigkeit, von 1906 bis 1908, einordnen. Zu diesem Zeitpunkt steht das malerische Werk noch in seinen Anfängen und bleibt an Umfang und Bedeutung hinter dem zeichnerischen Werk zurück. Seiner Schlichtheit zum Trotz wirkt auch diese Zeichnung unglaublich ausdrucksstark und erinnert in ihrer Expressivität und Darstellungsweise bereits an Mackes spätere Portraitarbeiten in Farbe. Als deren Vorläufer bannt der Künstler hier den ersten spontanen Eindruck einer Beobachtung direkt auf das Papier und verleiht seinen Gedanken und Gefühlen verbindlichen Ausdruck. Einen »Gesang von der Schönheit der Dinge«, nannte Macke seine Kunst, die die Gleichnisse für eben jene Harmonie und die Einheit seines Lebens schaffen ersuchte.

1 Andrea Firmenich, »August Macke. Gesang von der Schönheit der Dinge. Aquarelle und Zeichnungen«, Köln 1992.
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