Überblick Max Ernst, Soleil jaune, 1964
Soleil jaune
Öl auf Leinwand ; 1964 ; 65 x 53 cm | 25 5/8 x 20 7/8 in
Signiert und "64" datiert sowie rückseitig betitelt
Provenienz:
Alexander Iolas Gallery, New York, USA
Ausstellung:
The Jewish Museum, "Max Ernst – Sculpture and recent paintings", New York 1966
"Max Ernst", Barcelona 1968
Hanover Gallery, "Max Ernst – early and recent paintings and sculpture", London 1965
Palazzo Grassi, "Oltre la pittura", Venedig 1966
Literatur:
Werner Spies/Sigrid und Günter Metken/Jürgen Pech, "Max Ernst Œuvre-Katalog Werke 1964-1969", Bd. VII, Houston/Köln 2007
Das Betrachten des Gemäldes „Soleil jaune“ von Max Ernst ruft vielfältige Assoziationen hervor. Jeder von uns wird die gelbe Sonnenscheibe aus einem anderen Blickwinkel sehen wollen, etwa durch ein vom Eis teilweise freigekratztes Fensterglas oder im kosmischen Nebel von den Strahlen ihrer Halo umgeben. Letztendlich ist aber eine bestimmte Deutung nicht möglich, und sie ist vom Künstler auch nicht beabsichtigt.

Ausdrücklich weist er darauf hin, dass jeder seine Werke interpretieren kann, wie er mag, jedoch soll dies nicht auf rationale Weise geschehen, denn damit würden sie entschärft. So wie wir in eine formlose Wolke am Himmel etwa ein Gesicht und dann ein Tier projizieren können, so will Max Ernst in seiner Kunst die Ambivalenz der Naturerscheinungen aufspüren. Ständig sucht er nach der verborgenen Widersprüchlichkeit hinter dem Prinzip der Identität eines Wesens oder eines Gegenstandes – nichts ist für ihn endgültig und abgeschlossen. Demzufolge entzieht er auch seine Bildwelt dem definitiven, autoritären, einmal gefällten Urteil. Aus dieser Zerbrechlichkeit und Wandelbarkeit schöpft der Künstler die Poesie seiner rätselhaften Werke. In seinen phantastischen Darstellungen bezieht Max Ernst die Doppeldeutigkeit nicht nur auf die inhaltliche Ebene.

Von Beginn seines Schaffens an schließt er die künstlerischen Techniken mit ein. Er experimentiert mit ihnen in großer Offenheit, wobei er stets von vorgefundenen banalen Gegenständen ausgeht. Diese inspirieren ihn zu immer neuen Konstellationen und regen ihn zu noch unbekannten Vorgehensweisen an. Eine solche ist die Grattage, die Max Ernst in Abwandlung des Durch- und Abreibeverfahrens der Frottage für die Malerei entwickelt: Wie bei unserer Arbeit trägt er zunächst mehrere Farbschichten, hier gelbe und grüne, übereinander auf. Dann legt er willkürlich Dinge mit verschiedenartigen Oberflächen unter die Leinwand. Mit einem Malmesser schabt er nun die herausgedrückten Partien ab, so dass die tieferen Farblagen sichtbar werden.

Er tut dies intuitiv oder bewusst unter mal schwachem, mal stärkerem Druck seiner Hand und lässt indes den Zufall nicht außer Acht. Beharrlich wiederholt er diese Prozedur bis er die so gewonnenen Strukturen abschließend mit dem Pinsel nacharbeitet, einige Partien durch Weiß höht und einzelne Kratzspuren mittels Dunkelgrün hervorhebt. Auf diese Weise erforscht der Künstler das Geheimnis, das in den Dingen und Texturen selbst steckt und das sie bei den unvorhergesehenen Begegnungen und Verschmelzungen zueinander führt. Dabei gibt er den kleinteiligen Strukturen nie einen allein abstrakten Sinn. Sie bleiben immer an das Gegenständliche gebunden und enthalten damit etwas von der Wirklichkeit.

Was Max Ernst beschreibt, ist das Erlebnis, das ihn dazu bringt, Flecken mit Figurationen und Landschaften auszufüllen. Und was er entstehen lässt, ist eine grandiose Vorstellung einer möglichen aber unbetretbaren Welt – hierin drückt sich sein Naturgefühl am stärksten aus. Aber wie schon erwähnt, schildert er keinen Endzustand. Er stellt vielmehr einen Ausgangspunkt dar. Denn erst wenn wir die „Soleil jaune“ betrachten, beginnt sich in uns das malerische Ergebnis zu entfalten und zu wirken: Wir folgen dem sensualistischen Reiz, der von den vielen Mikroformen ausgeht. Diese halten unsere Augen immer in Bewegung und nur kurz können sie sich in dem Farbrelief „festhalten“. Als aktiver Schöpfer ist Max Ernst in den Hintergrund getreten; er bleibt lediglich die kontrollierende und kritisch überwachende Instanz, die behutsam unser Seherlebnis lenkt.
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