Überblick Gabriele Münter, Staffelsee, ca. 1924
Staffelsee
Öl auf Karton ; ca. 1924 ; 33 x 45 cm
Signiert sowie rückseitig mit dem Nachlassstempel "Gabriele Münter Nachlass" versehen und "Seestudie mit gelben Busch" sowie "Staffelsee (rosiggrau)" betitelt
Provenienz:
Nachlass der Künstlerin; Leonard Hutton Galleries, New York ; Parke-Bernet Auction, New York (9. April 1969, Lot 61); Sammlung Morton D. May, St. Louis
Ausstellung:
Saint Louis Art Museum, "The Morton D May Collection of 20th Century German Masters"", St. Louis/Missouri 1970
Marlborough-Gerson Gallery Inc., "The Morton D May Collection of 20th Century German Masters", New York 1970
1933-35 Wanderausstellung in Bremen, Barmen, Bochum, Jena, Eisenach, Altenburg, Stuttgart
1925-26 Wanderausstellung "Baedecker Art Exhibition" in Essen, Museum Duisburg, Kunsthalle Braunschweig
Literatur:
Marlborough-Gerson Gallery Inc., "The Morton D May Collection of 20th Century German Masters", Ausst.-Kat., New York 2017
»Du bist hoffnungslos als Schülerin – man kann Dir nichts beibringen. Du hast alles von Natur.«,1 sagt Wassily Kandinsky über seine spätere Lebensgefährtin Gabriele Münter und betont damit das eigenständige und von einer starken inneren Überzeugung getragene Schaffen der Künstlerin. Die Entdeckung Murnaus südlich von München im Jahr 1908 markiert den entscheidenden Wendepunkt in Gabriele Münters Schaffen. Malerisch ins Alpenvorland eingebettet, wird die Region um Murnau am Staffelsee zum Dreh- und Angelpunkt ihres künstlerischen Wirkens. Inspiriert von der regionaltypischen Hinterglasmalerei, strebt Münter eine immer stärkere Vereinfachung der Form und eine großzügige Flächigkeit im Farbauftrag an – »zum Fühlen des Inhaltes – zum Geben eines Extraktes«.2 In dieser Umgebung gelingt ihr der künstlerische Durchbruch zu ihrer typischen, ausdrucksstarken Bildsprache.
Welch großen Eindruck die Vorgebirgslandschaft bei der Künstlerin dauerhaft hinterlassen hat, davon zeugt das kleine Ölgemälde »Staffelsee«, welches um 1924 herum entstanden sein muss. Diese Ansicht gliedert sich klar auf in einen Vorder-, einen Mittel- und einen Hintergrund. Im Zentrum liegt ruhig der titelgebende See, ausgearbeitet in einem fast violett anmutenden Farbton, der sich auch im Himmel wiederfindet. Die umgebenden Berge hingegen sind in dunklem, leuchtenden Blau gehalten. Im Vordergrund erstrecken sich in sanften Hügeln, saftig grüne Wiesen und ein kleines, fast verstecktes Dorf, alles von herbstlich anmutenden Sträuchern und Bäumen gesäumt. Münter hatte hier mittig zunächst einen bildgreifenden Busch vorgesehen, entschied sich letztlich jedoch dagegen und übermalte ihn wieder, um den See in seiner Gänze zu zeigen.
Kompositorisch klar strukturiert, weist das Gemälde auf das Bestreben der Künstlerin hin, die Landschaft in einfachen Zusammenhängen zu erfassen. Unmittelbar und in einer unbändigen Ausdrucksstärke erfasst Münter die spezifische Charakteristik der voralpinen Landschaft. Die klare, alpine Luft des Ortes, die Münter besonders an Murnau fasziniert hat, drückt sich in dem leuchtend frischen Kolorit aus. Abstufungen von Blau, Violett und Grün dominieren klar das Bild, greifen aber nicht ineinander über, sondern sind gegeneinander abgegrenzt. Dadurch steigert die Malerin die Leuchtkraft und die Ausdruckstärke der Darstellung auf besonders eindringliche Weise.

1 Wassily Kandinsky zit. in: Sabine Windecker, »Gabriele Münter: eine Künstlerin aus dem Kreis des »Blauen Reiter«, Kiel 1990, S. 31.
2 Gabriele Münter zit. in: Annegret Hoberg/Helmut Friedel (Hg.), »Gabriele Münter 1877-1962 Retrospektive«, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, München 1992, S. 32.
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