Überblick Ewald Mataré, Kälbchen III, ca. 1947
Kälbchen III
Bronze ; ca. 1947 ; 6 x 14 x 9 cm
Signiert mit dem Monogramm auf der Unterseite
Provenienz:
Privatsammlung Amsterdam
Literatur:
Sabine Maja Schilling, "Ewald Mataré – Das plastische Werk: Werkverzeichnis", Köln 1994
Der 1887 in Aachen geborene Künstler Ewald Mataré genießt in Berlin eine klassische, malerische Ausbildung und verlegt sich erst in den Zwanziger Jahren auf die Bildhauerei − von da an entsteht ein breites Œuvre an Holzschnitten, Bronzen, graphischen und plastischen Arbeiten. Mataré, der als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie unterrichtet, wird 1933 von der Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und zieht sich infolgedessen auf das im Rheingau gelegene Kloster Eberbach zurück. Unmittelbar nach Kriegsende kehrt der Künstler in die Heimat zurück, wo ihm der Lehrstuhl für Bildhauerei erneut zugedacht wird.

Zu dieser Zeit entsteht im Jahr 1947 auch unsere kleine Bronze „Kälbchen III“. Mit angewinkelten, unter dem Rumpf fast versteckten Vorder- und Hinterläufen hat sich das Kalb zur Ruhe gelegt. Das geneigte Haupt hat es auf die Vorderbeine gebettet, so dass eine geschlossene, annähernd ovale Form entsteht. Mataré modelliert das Tier aus geometrischen, jedoch weichen und abgerundeten Formen. Sein künstlerischer Ansatz ist dabei ein dezidiert formaler: Durch den Verzicht auf Details und durch die Reduktion auf charakteristische Grundzüge der Gattung, versucht er die Urform des Tiers freizulegen.

Zeit seines Lebens richtet der Bildhauer sein Augenmerk insbesondere auf die Tierwelt. Motivisch beschränkt er sich dabei auf Kühe, Pferde, Katzen, Schafe und Hühner, wobei die Kuh jedoch dasjenige Tier ist, das ihn am nachhaltigsten fasziniert. In seinem Tagebuch notiert der Künstler: „[...] wie ich das denn auch bei fressenden Kühen beobachte, der ganze Leib hat etwas birnenförmiges, eben ein Ei mit einer Verlängerung nach vorn langsam auslaufend. Bei all diesen Formen, die ich einmal dort und einmal da akzentuiere, sind keine erdachten Vorstellungen, sondern ich mache sie alle nach genauer Beobachtung [...]“1). An unserer kleinen Plastik lässt sich Matarés Streben nach einer geschlossenen, in sich ruhenden Form anschaulich nachvollziehen. Die Bronze spricht in ihrer vollkommenen Form die haptischen Reize des Betrachters an. Man möchte das kleine Tier am liebsten selbst in die Hand nehmen, es von allen Seiten betrachten und mit den Fingern über die glatt polierte Oberfläche fahren. Mit seinen geringen Ausmaßen und der abgerundeten Form passt sich die Kleinplastik dem Handteller genau an. Mataré ist dieser Aspekt der haptischen Erfahrbarkeit wichtig: Man solle seine Plastiken nicht nur sehen, sondern im wörtlichen Sinne begreifen, so der Künstler. Obwohl sich das plastische Werk Matarés jeder Zuordnung zu einer bestimmten künstlerischen Bewegung entzieht, erfreut es sich bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg großer Beliebtheit und er erhält eine Vielzahl öffentlicher und kirchlicher Aufträge. 1947 gestaltet der Künstler beispielsweise die vier Kölner Domtüren am Portal des südlichen Querschiffes. Seinen Ruf als einer der bekanntesten deutschen Bildhauer
der Nachkriegszeit unterstreicht er aber nicht nur durch sein Werk, sondern auch durch seine Lehrtätigkeit an der Akademie und durch sein Wirken auf so bekannte Schüler wie beispielsweise Joseph Beuys und Georg Meistermann.

Anm.:
1) Ewald Mataré, „Tagebücher“, Köln 1973, S. 111.
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