Überblick August Macke, Am Thuner See, Picknick nach dem Segeln, 1913
Am Thuner See, Picknick nach dem Segeln
Aquarell auf Papier ; 1913 ; 27 x 40 cm
Rückseitig betitelt von Elisabeth Macke und "Gelb-Blau, Öl auf Papier, Nr. G. 31" bezeichnet
Provenienz:
Karl und Faber, München (1990); Nierendorf, Berlin (1991); Privatsammlung Berlin
Ausstellung:
Kunstmuseum Thun/August-Macke-Haus, "August Macke und die Schweiz", Thun/Bonn 2013
Kunsthalle Emden/Museum Ulm/Kunstmuseum Bonn, "August Macke", Emden/Ulm/Bonn 1993-94
Westfälisches Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte/Museo Thyssen-Bornemisza, "August Macke. Aquarelle", Münster/Madrid 1997-98
Literatur:
"August Macke und die Schweiz", hg. Kunstmuseum Thun, Thun/Bonn 2013
Ursula Heiderich, "August Macke. Aquarelle. Werkverzeichnis", Ostfildern 1997
"Orangerie ´91", Martin-Gropius-Bau, Ausst.-Kat., Berlin 1991
Kunsthalle
Emden/Museum Ulm/Kunstmuseum Bonn, Ausst.-Kat., 1992/1993,
Nr. 108, Abb. S. 169
August Macke lebte von Oktober 1912 bis Mai 1914 mit seiner Familie am Thuner See. Die Landschaft dort bot ihm zahlreiche Anregungen, die er in Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen aufgriff.
Das Aquarell Am Thuner See, Picknick nach dem Segeln von 1913 geht zurück auf einen Ausflug, den der Künstler mit seiner Frau Elisabeth und dem befreundeten Ehepaar Louis und Hélène Moilliet unternahm. Im Tagebuch von Elisabeth Macke findet sich das Ereignis geschildert. Die Darstellung geht jedoch über die private Erinnerung hinaus.
Macke fasst das Erlebte in eine Form, die nicht unmittelbar das Gesehene abbildet. Spontaner und weniger konzeptuell als ein Gemälde steht das Aquarell zwischen Beobachtung und Konstruktion. Macke verdichtet die Komposition auf das Wesentliche. Das Segel des Bootes und die Figurengruppe mit den beiden stehenden Personen außen halten den Bildaufbau zusammen wie zwei Klammern. Der Wechsel gerader und geschwungener Linien schafft ein lebendiges System von Antworten und Entsprechungen. Die Versatzstücke der Landschaft sind nicht geografisch lokalisierbar. Bis zum Bildrand hochgewachsene Sträucher machen lediglich deutlich, dass es sich um eine abgelegene und geschützte Gegend handelt. Die verwendeten Farben geben zwar nicht die Natur wieder, reduziert auf warmes Gelb und kühles Blau verbildlichen sie aber die wesentlichen Farbeindrücke eines Sommertags am Wasser. Die locker schraffierende Pinselführung verleiht der Arbeit die Flüchtigkeit einer Momentaufnahme.
Obwohl er von einem konkreten persönlichen Erlebnis ausgeht, sind Mackes Figuren verallgemeinert und nicht mehr individuell erkennbar. Durch Konturlinien und die monochrom blaue Ausmalung sind die Körper zu Flächen zusammengefasst. Macke kümmert sich nicht um Perspektive und Größenverhältnisse. Er bringt kürzelhaft alle Elemente ins Bild, die die Szene verständlich machen: Das Segelboot ist winzig, die Kaffeekanne riesenhaft. Die Picknickdecke wird durch ein Dreieck skizzenhafter Linien nur angedeutet. In der Anordnung von links nach rechts für den Betrachter aufgereiht werden die Requisiten des Ausflugs lesbar wie eine Bildergeschichte.
Das stilllebenartig arrangierte Picknick und die Vierergruppe von Männern und Frauen erinnert fern an Manets berühmtes Frühstück im Freien. Doch dessen Skandal, der im Zusammensein bekleideter Männer und unbekleideter Frauen begründet lag, liegt Macke fern. Und obwohl sie ähnlich wie in Pechsteins, Kirchners oder Heckels kurz zuvor entstandenen Ausflugsbildern von den Moritzburger Teichen in skizzierten Strichen nur angedeutet sind, unterscheiden sich seine Bildfiguren deutlich von den Badenden der Expressionisten: Nicht nackt, sondern zeitgemäß gekleidet, die Damen im langen Rock, die Herren mit Hut, sind sie als Bürger ihrer Zeit erkennbar. Macke stellt keine radikale Forderung nach einem Leben in und mit der Natur; es bleibt beim bürgerlichen Sonntagsausflug zweier befreundeter Ehepaare.
August Macke stand zeit seines Lebens in intensivem Austausch mit anderen Künstlern und verarbeitete zahlreiche Eindrücke und Anregungen. Für kurze Zeit war er Schüler von Corinth in Berlin. Im Sommer 1907 lernte er auf einer Paris-Reise Werke des französischen Impressionismus kennen. Von Matisse lernte er wohl die Bedeutung der Konturlinien und das Weiß des Bildgrundes einzubeziehen. Angeregt durch Kandinsky experimentierte er mit abstrahierten Elementen. All diese Einflüsse und Ausdrucksmittel finden sich in der Leichtigkeit, Helligkeit und Lockerheit dieses Aquarells.


Annika Schank, Museum Folkwang Essen, Abteilung Bildung und Vermittlung
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