Überblick Carl Hofer, Mädchenbildnis, 1944
Mädchenbildnis
Öl auf Leinwand ; 1944 ; 42 x 36 cm
Signiert mit dem Monogramm und "44" datiert
Provenienz:
Privatsammlung, London (1944 direkt beim Künstler erworben); Privatsammlung, Norddeutschland
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014
Frankfurter Kunstverein, "Moderne Malerei, Frankfurter Privatbesitz", Frankfurt a.M. 1963
Literatur:
Kuratorium kulturelles Frankfurt (Hrsg.): "Moderne Malerei - Frankfurter Privatbesitz", Ausst.-Kat. Frankfurter Kunstverein, Frankfurt a.M., 1963
Galerie Ludorff, "Muse & Modell", Düsseldorf 2014
Seit frühester Kindheit wird Carl Hofer wiederholt mit der rauen Realität und der Härte des Lebens konfrontiert. Kurz nach seiner Geburt am 11. Oktober 1878 verstirbt der Vater. Die Mutter ist nicht in der Lage den Jungen alleine aufzuziehen. Zunächst von Großtanten aufgenommen, kommt er im Alter von zehn Jahren in ein Waisenhaus. Hunger und Entbehrung kennzeichnen diese Zeit. Dann scheint sich das Blatt zu wenden. Nach vierjähriger Lehrzeit in einer Buchhandlung gelingt dem künstlerischen Autodidakten die Aufnahme an Kunstakademie in Karlsruhe. Stipendien und die Förderung der Schweizer Kaufmannsfamilie Reinhart ermöglichen ihm vorübergehend ein unbeschwertes Leben mit Studienreisen und Auslandsaufenthalten, die ihn unter anderem nach Rom, Paris und durch Indien führen. Zu Beginn des ersten Weltkrieges wird Hofer aufgrund seiner deutschen Herkunft während eines Ferienaufenthaltes in Frankreich inhaftiert und in ein ziviles Internierungslager überführt. Erst drei Jahre später wird er in die Schweiz entlassen. 1919 kehrt Hofer schließlich ins Nachkriegsberlin zurück. Im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird Hofer 1933 seines Amtes als Professor an der Berliner Akademie, welches er seit 1920 innehatte, enthoben. In der Folge erhält er Ausstellungs- und Malverbot. Rund 300 seiner Arbeiten werden im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ 1937 aus Museen und öffentlichen Sammlungen entfernt. „Derartiges darf einen Künstler nicht an seinen Wurzeln treffen, am Schaffen trotz aller Verbote nicht hindern, in seiner Substanz nicht berühren“1), schreibt er im Rückblick auf diese Zeit. Dennoch prägen die wiederholten persönlichen Schicksalsschläge und die politischen Wirrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Persönlichkeit und seinen künstlerischen Weg. Ein zweifelnder, nachdenklicher Grundtenor ist seiner Kunst von Beginn an eigen.
Im vorletzten Kriegsjahr ist 1944 unser Gemälde „Mädchenbildnis“ entstanden. Nur vordergründig bedient sich Hofer hierin des unverfänglichen Sujets der Darstellung eines liebreizenden, jungen Mädchens. Er zeigt uns ein anmutiges und stolzes, zugleich aber auch sehr nachdenkliches Portrait einer jungen Frau in einer für den Künstler und voraussichtlich auch für die Dargestellte sehr entbehrungsreichen, schwierigen Zeit. Der Raum hinter dem Mädchen ist nicht näher definiert. Im Gegenteil deutet Hofer diesen Raum ganz bewusst nur in den für sein Werk typischen, gedeckten Farbtönen an und lässt den Betrachter im Unklaren darüber wo das Portrait entstanden ist.
Man mag von einem düsteren Hintergrund sprechen und diesen zur Deutung heranziehen. Dennoch spricht aus diesem Weg keineswegs die Stimme eines verzweifelten und niedergeschlagenen Künstlers. Wie so oft in Hofers Werk ist eine Aussage nicht eindeutig ablesbar. Hofer will vielmehr gerade wegen der akuten Widrigkeiten das Abbild von einem zeitgemäßen Ideal schaffen, dass nicht nur visuell sondern vor allem emotional zu berühren vermag. Er äußert sich hinsichtlich seiner Absichten wie folgt: „Der Mensch und das Menschliche war und ist immerdauerndes Objekt meiner Darstellungen, Darstellung allerdings in einem tieferen, das Religiöse berührenden Sinn“2), umschreibt Hofer den Ausgangspunkt seines Kunstschaffens.
Das vorliegende Bildnis sollte demnach also nicht als realitätsnahe Darstellung der Portraitierten sondern vielmehr als idealisiertes Bild verstanden werden. Die Haltung des Mädchens ist aufrecht. Die strenge Komposition orientiert sich sehr präzise am frontalen Brustbild. Lediglich die vom Seitenscheitel ausgehende Bob-Frisur lockert die strenge Symmetrie des an der vertikalen Mittelachse orientierten Gemäldes. Im Zentrum der Darstellung steht die Schönheit des makellosen Mädchengesichts. Die warmen gedeckten Farben des Hintergrunds finden im rosigen Gesicht der Wangen und der Lippen bzw. dem Dunkelbraun der Haare und der Augen ihre Entsprechung. Die warme Farbigkeit der Darstellung wird lediglich vom scharfen Komplementärkontrast des rot-grünen Kragens der angeschnitten dargestellten Bluse kontrastiert. Die großen und von schweren Lidern umschlossenen Augen sind leicht nach unten gerichtet und blicken rechts am Betrachter vorbei in die Ferne. Hofer gelingt in unserem Gemälde die Verquickung zweier gegensätzlicher Aspekte: Der Darstellung von metaphysischer Schönheit mischt er zweiflerische Töne bei und vermittelt dadurch ein gewisses Gefühl des Unbehagens. „So klingt, was heiter begonnen, in Bitternis aus“3), fasst Hofer das ambivalente
Spannungsverhältnis innerhalb des menschlichen Daseins zusammen, welches er nicht mit lauter Geste, sondern auf subtile Weise in seinen Werken erfahrbar macht.

Anm.:
1) Zitiert in: „Karl Hofer – Ölbilder, Aquarelle, Handzeichnungen, Druckgraphik“, Ausst.-Kat. Baukunst Galerie, Köln 1975, o. S.
2) Zitiert in: Karl Hofer Archiv, Berlin/Stadt Ettlingen (Hg.), "Karl Hofer", Ausst.-Kat. Schloßmuseum Ettlingen, Berlin 1983, S. 12.
3) Ebd. S. 8.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com