Überblick Emil Nolde, Aquarell mit zwei Seglern (Schwüler Abend), ca. 1946
Aquarell mit zwei Seglern (Schwüler Abend)
Aquarell auf Japanpapier ; ca. 1946 ; 18 x 23 cm
Signiert
© Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
auf dem Unterlagekarton „Schwüler Abend“ betitelt
Expertise: Prof. Dr. Manfred Reuther, ehemaliger Direktor der Stiftung Ada und Emil Nolde, Seebüll
Provenienz:
Atelier des Künstlers; vermutlich Christian Carstensen (als Geschenk des Künstlers); Privatsammlung Nordrhein-Westfalen
Das Werk war als Dauerleihgabe im Museum Schloß Gottorf, Schleswig ausgestellt.
Das kleine, in feurigem Rot glühende Aquarell Schwüler Abend, so vom Maler betitelt, hat Emil Nolde vermutlich bei seinem achtzigsten Geburtstag Christian Carstensen geschenkt, einem jungen Verwandten mütterlicherseits, dem er sich schon früh vertrauensvoll verbunden fühlte. In den Kriegsjahren und danach hat dieser ihm selbstlos manch wertvolle Hilfe erwiesen sowie eine große Zahl seiner Werke vor Verlust und Vernichtung unter fast abenteuerlichen Schwierigkeiten von Berlin nach Seebüll gerettet.
„Nolde kennt das Meer, wie es vor ihm noch kein Künstler gekannt hat“, schreibt Max Sauerlandt, der Hamburger Museumsdirektor und langjährige Freund, 1921 in seiner Monographie. „Er sieht es nicht vom Strand oder vom Schiff aus, er sieht es so, wie es sich selbst lebt, losgelöst von jedem Bezug auf den Menschen, als das ewig regsame, ewig wechselvolle, ganz in sich selbst sich auslebende, in sich selbst sich erschöpfende göttliche Urwesen.“ Häufig ist der Bildausschnitt eng gewählt und die Horizontlinie hoch angesetzt mit einem schmalen Himmelsstreifen und mächtigen Wogen, die aus dem Bild zu stürzen scheinen; bei anderen Darstellungen durchdringen sich Himmel und Meer in einem furiosen Farbenspiel. Bei den „Ungemalten Bildern“ aus der Zeit des Malverbots oder der späten Folge der Meeraquarelle wie der Schwüle Abend, die im Frühjahr 1946 während eines Aufenthalts im Kurort St. Peter auf der Halbinsel Eiderstedt an der Nordsee entstanden sind, erscheinen auf der weiten Fläche der stillen See häufig kleine Dampfer mit Rauchfahnen oder in der Ferne lyrisch verträumt Segelboote ohne sicheres Ziel. In ihrer freien, farblichen Gestaltung sowie poesievollen Stimmung lassen sie an späte Aquarelle von William Turner denken, den das Meer in ähnlicher Weise angeregt hat.
Noldes virtuose Aquarellmalerei unbeeinträchtigt von äußeren Ansprüchen in freier, materialgerechter Handhabe, sein bildnerisches Verfahren des nassen, fließenden Auftrags der unvermischten Farben und, dadurch bedingt, die Erfordernis einer zügigen, konzentrierten Arbeitsweise kamen seinem künstlerischen Temperament, seinem Streben nach unmittelbarem Ausdrucksverlangen besonders entgegen. Gern ließ er sich von den Gegebenheiten des Augenblicks leiten, suchte den seiner Ansicht nach hemmenden Verstand im Schaffensvorgang auszuschalten und allein seiner Intuition zu folgen. „Der Maler braucht nicht viel zu wissen“, war er überzeugt; „schön ist es, wenn er unter instinktiver Führung so zielsicher malen kann, wie er atmet, wie er geht.“ Dabei war er stets bestrebt, das Unwägbare des Zufalls als gestalterisches Element mitwirken zu lassen. Mit vollgetränktem, schweren Pinsel und in raschen, fast organisch sicheren Abläufen wurden die Bilder im Malvorgang selbst aus der Farbe geboren. Sie wurde von dem weichen, saugfähigen Japanpapier, das er gern benutzte, begierig aufgenommen, sodass beide zu einer natürlichen Einheit zusammenfanden. Die reinen, ungebrochenen Farben, der direkte Auftrag, die Unregelmäßigkeiten und fließenden Übergänge, die Flecken, Verläufe, überhaupt das Einbeziehen des kontrollierten Zufalls in den Gestaltungsvorgang, der hohe Abstraktionsgrad in der Darstellung von Licht und Raum allein mittels der Farbe korrespondieren in besonderem Maße mit den Eigenheiten der Motive wie der weiten Marschlandschaft unter hohem Himmel, den Bergkulissen der Alpen oder dem lichtdurchfluteten Meer. Manchmal lassen sich die konkreten Bildinhalte nicht mehr sicher erfassen; sie werden in einem freien, vieldeutigen Farbgefüge aufgehoben.

Prof. Dr. Manfred Reuther, Ehemaliger Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
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