Überblick Emil Nolde, Marschlandschaft mit Mühle, um 1920/1925
Marschlandschaft mit Mühle
Aquarell auf Japanpapier ; um 1920/1925 ; 35 x 47 cm
Signiert
© Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
Expertise: Prof. Dr. Manfred Reuther, Direktor der Stiftung Ada und Emil Nolde, Seebüll
Provenienz:
Landeszentralbank Hamburg
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Emil Nolde", Düsseldorf 2010
Literatur:
Galerie Ludorff, "Emil Nolde", Ausst.-Kat. Nr. 130, Düsseldorf 2010
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2009", Kat. 129, 80, Düsseldorf, 2009
Emil Noldes Leben ist auf das Engste mit der Landschaft im heutigen deutsch-dänischen Grenzgebiet verbunden. Geboren im kleinen Örtchen Nolde, prägt sie ihn schon in den frühen Kindheitstagen. 1916 zieht Nolde mit seiner Frau Ada nach Utenwarf an der Westküste nahe Tondern.
Tief bewegt von den flachen Marschen und den eindrucksvollen Himmelsformationen der unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten entstehen Aquarelle von äußerst starker Intensität und entfesselter Farbgewalt. Dazu trägt auch Noldes technische Perfektion in der Aquarell-Malerei bei. Der Künstler erinnert sich selbst: „Von der intimen, aber etwas kleinlich tiftelnden Art meiner frühesten Aquarelle arbeitete ich in unendlichem Mühen mich durch zu der freieren, breiteren und flüssigen Darstellung, die ein besonderes, gründliches Verstehen und Eingehen auf Struktur und Art der Papiere und die Möglichkeiten der Farben erfordert, aber vor allem wohl durch die Fähigkeit der sinnlichen Einstellung des Auges.“1) Dieses konsequente Streben führt zu einer Meisterschaft im Aquarell, die in der Klassischen Moderne ihresgleichen sucht. Dies zeigt der Künstler auch in unserer querformatigen Arbeit: Der Betrachter nimmt teil an dem einzigartigen Moment, in dem die abendliche warm-rote Sonne bereits hinter dem weiten Horizont versunken ist. Ihre glühenden Strahlen dringen in leuchtenden Streifen aber noch durch die dichten Wolkenformationen aus verschiedenen Blau-Nuancen hindurch. Der restliche Himmel kündigt bereits die bevorstehende Nacht an: Das helle Königsblau der Bildmitte wird von einem beinahe schwarzen Indigoblau überlagert, das ins Bild drängt. Auf der tiefen Horizontlinie thront, wie ein dunkler Schatten im Abendrot, die nur mit wenigen reduzierten Pinselstrichen hingesetzte Silhouette einer Mühle, die ein charakteristisches Kennzeichen vieler Marschlandschaften von Nolde ist. Unterhalb der Mühle erstreckt sich das flache Marschland in weichem Moosgrün. Doch gibt der Künstler eben nicht einfach nur einen atmosphärischen Moment wieder, sondern er erlaubt uns durch die Landschaft auch einen Blick in seine Seele. Martin Urban, langjähriger Leiter der Stiftung Ada und Emil Nolde und ausgezeichneter Kenner des OEuvres von Emil Nolde legt äußerst überzeugend dar, dass Noldes Landschaftsbilder „[…] wahre ‚Seelenlandschaften’, freier und unmittelbarer Ausdruck des künstlerischen und menschlichen Erlebens“2) seien. Das rein Subjektive, das Emotionale ist wesentlich für die Entstehung seiner Aquarelle. Nolde lässt eine befreite Aquarellmalerei zu, die seine enge Verbundenheit mit der Natur zum Ausdruck bringt.
Obwohl Nolde als einer der großen Einzelgänger des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird, ist er mit seinem künstlerischen Wollen nicht allein: Viele seiner Zeitgenossen, gerade die Künstler der „Brücke“ in Berlin – in die er kurzzeitig sogar als Mitglied (1906/07) eintritt – oder des „Blauen Reiters“ in München streben ebenso nach seelischem Ausdruck in der Kunst durch Reduktion und Vereinfachung der Motive, Unterordnung der perspektivischen Korrektheit zugunsten einer eher zweidimensionalen Flächigkeit sowie ausdrucksstarker, leuchtender Farben. Sie haben die Sehgewohnheiten der Menschen nachhaltig verändert und bis heute geprägt.

Anm.:
1) Emil Nolde, „Mein Leben“, Köln 2008, S. 366f.
2) Martin Urban, „Emil Nolde – Landschaften. Aquarelle und Zeichnungen“, Köln 1980, S. 7.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com