Überblick Emil Nolde, Petri- und Patrocli-Turm in Soest, 1906
Petri- und Patrocli-Turm in Soest
Radierung ; 1906 ; 19 x 15 cm
Signiert
© Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
Zusätzlich in der Platte "Emil Nolde" bezeichnet
Provenienz:
Privatsammlung Rheinland
Literatur:
Gustav Schiefler/Christel Mosel/Martin Urban, "Emil Nolde - Das graphische Werk: Die Radierungen", Bd. I, Köln 1995
„Ist die malerische Wirkung nicht schön?“1), fragt der Expressionist Emil Nolde in einem Brief 1905 seine Frau Ada. Anstelle von Gemälden sendet er ihr jedoch einige Druckgraphiken; die Ersten, die der Künstler für gut genug hält, um sie zu zeigen. Schon 1898 experimentiert Nolde mit der neuen Technik, aber erst ab 1905 kommt es zur ernsthaften Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Druckverfahren. Schnell findet er in Künstlerkreisen wie „Die Brücke“ mit seinen ungewöhnlichen Bildern Anklang. Nolde versteht seine Graphik als Erweiterung und Alternative der malerischen Praxis. Deshalb wendet er sich der Tonätzung zu, die es ihm erlaubt, anstelle der Konzentration auf die Wirkung der Linie, unterschiedlichste Tonwerte im druckgraphischen Vorgang auch in der Fläche zu erzeugen. Wie bei seinen Aquarellen ist auch hier der Zufall wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses. Während der zahlreichen Ätzprozesse hat Nolde nur noch bedingt Einfluss, wie das Endprodukt aussehen wird. Anhand vergleichender Beispiele lässt sich jedoch zeigen, dass er bei jedem Blatt, eine ganz bestimmte Wirkung erzielen möchte. Zudem gibt Nolde die meisten Graphiken in nur sehr kleiner Auflage heraus, um den einzigartigen Charakter jedes Blattes betont zu wissen.
1906 kommt Emil Nolde auf Einladung von Karl Ernst Osthaus nach Soest. Er kam bereits ein Jahr zuvor in die Stadt, fertigt aber zu diesem Zeitpunkt noch keine neuen Arbeiten an. Soest wandelt sich in dieser Zeit zu einer lebendigen Künstlerstadt, da Künstler wie Christian Rohlfs, Karl Schmidt-Rottluff oder Otto Modersohn hier eine idyllische Alternative zum industriellen Großstadtleben und eine neue Wirkungsstätte finden. Insbesondere zu Rohlfs unterhält er eine
freundschaftliche Bekanntschaft. Unsere Graphik „Petri- und Patrocli-Turm in Soest“ zeigt eines von acht Motiven, die Nolde während seines zweiten Aufenhalts anfertigt. Der Betrachter blickt von einem erhöhten Standpunkt auf einige Hausdächer und die beiden Kirchtürme. Parallel zum Blattrand setzt er die Türme ins Bild und rückt sie gleichzeitig so nah heran, dass sie besonders monumental wirken. Durch den changierenden Farbauftrag verliert die außerordentliche Präzision der Architekturzeichnung an Strenge. Der flache Bildgrund vermittelt durch das leuchtende Blau und die weichen, wolkenähnlichen Formationen im Hintergrund eine atmosphärische Tiefe. Die konkret erfassbare Lichtsituation zeigt Noldes gekonnten Umgang mit der Graphik. Der hintere Turm ist voll erleuchtet, während alles andere im Schatten liegt. Trotz der monochromen Farbpalette vermittelt Nolde dem Betrachter den Eindruck eines sonnig-bewölkten Tages.
So wie Nolde in seinen farbintensiven Aquarellen gewonne Eindrücke unmittelbar einfangen kann, gelingt es ihm ebenfalls in der Graphik den Moment des spontanen Hier und Jetzt zu illustrieren. Das Lichtschauspiel zeigt sich als fragiler und kurzer Augenblick. Der changierende blaue Farbaufrag lässt den Betrachter zwischenzeitlich vergessen, dass es sich um eine Graphik handelt. 1907 fällt sein enger Bekannter Gustav Schiefler, Mäzen und Kunstkritiker, ein interessantes Urteil: Die Graphik Noldes habe bereits „eine Höhe erreicht [...], welche seine Malerei noch übertrifft“.2)

Anm.: 1) B rief an Ada, Zit. nach Manfred Reuther, „Zu Noldes Radierfolge der „Phantasien“ (1905) – Genese eines Anfangs“, in: Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde (Hg.), „Emil Nolde, Graphik. Aus der Sammlung der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde“, Seebüll 1983, S. 49.
2) Gustav Schiefler, „Emil Nolde“, in: „Zeitschrift für bildende Kunst“, Leipzig. Jg. 19,
1907, S. 32.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com