Überblick Emil Nolde, Reetlandschaft und Boote, ca. 1920
Reetlandschaft und Boote
Aquarell und Tusche auf Japanpapier ; ca. 1920 ; 35 x 48 cm
sig.
© Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde
Expertise: Dr. Manfred Reuther, Direktor der Stiftung Ada und Emil Nolde, Seebüll
Provenienz:
Privatsammlung Schweiz; Simon Dickinson Ltd., London; Privatsammlung USA
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Open Water", Düsseldorf 2015
Literatur:
Galerie Ludorff, "Open Water", Düsseldorf 2015
Emil Nolde kann unumstritten als Meister des Aquarells bezeichnet werden. Die Unmittel-barkeit des Farbauftrages und die Intensität der glühenden Farben zeichnen seine Bilder aus. Indem er die Eigenheiten des Materials über Jahrzehnte eingehend studiert, weiß er sich mit ihnen auseinander zu setzen und sich diese zunutze zu machen.
Während er im frühen 20. Jahrhundert seine Darstellungen eher koloriert, entstehen im Folgenden immer freiere Aquarelle. Wie auch für die Impressionisten, wird die Farbe in Noldes Werk immer mehr zum formgebenden Werkzeug, jedoch mit dem Unterschied, dass ihm die auflösende Maltechnik der Impressionisten missfällt.1) Meist auf sehr weichen aber saugfähigen Papieren, die vorher angefeuchtet werden, wird die Farbe in Noldes Aquarellen ´naß in naß´ aufgetragen, sodass sie sich fließend ausbreiten kann. Die Arbeitsweise kann als kontrollierter Zufall beschrieben werden, bei dem Nolde den Verlauf der Farben nur bedingt beeinflussen kann. “Ich mag es gerne, wenn ein Bild aus-sieht, als ob es sich selbst gemalt hätte”.2) Trotz der vermeintlich flüchtigen Arbeitswei-se, lässt sich an unserem Aquarell exemplarisch zeigen, dass Nolde keineswegs darauf vertraut, dass der Zufall ihm ein spannendes Bild schenkt. Eine Vielzahl von bildnerischen Entscheidungen scheint vielmehr ganz bewusst getroffen worden zu sein.
Die Darstellung zeigt eine für Nolde sehr typische Marschlandschaft. In der rechten Bild-hälfte sind zwei unbemannte Boote dargestellt, die zur sog. Binsenernte verwendet wurden. Es handelt sich um sehr flache Boote mittels derer man problemlos an die Ufer der flachen Gewässer fahren konnte, um dort das Schilfgras, die sog. Binsen zu schnei-den und aufzuladen. Diese Binsen wurden wiederum getrocknet und als sog. Reet für das Decken der norddeutschen Dächer verwendet. Hoch aufgerichtet erkennt man im vorde-ren Teil beider Boote jeweils den langen Stab, mittels derer sich die Kapitäne am Grund abstoßen und so fortbewegen konnten. Im Hintergrund lässt sich unschwer das nächst-gelegene Ufer mit dem sich leicht im Wind bewegenden Schilfgras erkennen. Am linken, oberen Bildrand deuten drei waagerechte Striche einen Steg oder eine Art kleiner Brücke über das Gewässer an.
Die Boote liegen nach getaner Arbeit im leicht unruhigen Wasser und dem warmen Licht der Abendsonne, das Nolde in intensiven Gelb- und Orangetönen festhält. Die dramati-sche Stimmung wird durch die Wahl des Bildausschnitts zusätzlich gesteigert. Nolde wählt diesen nämlich so, dass die Boote nur angeschnitten zu sehen sind. Hierdurch werden diese zu besonders markanten, bildnerischen Zeichen, die vom Rand her in die Darstellung eindringen. Die Präsenz der Boote steigert er zusätzlich, indem er diese wie auch das Wasser unterhalb der Boote mit besonders intensiven schwarzen Tuschestrichen zeichnet. Das vereinfacht dargestellte Schilfgras im Vorder- und Hintergrund hingegen ist in deutlich trockenerem Duktus gemalt. Der deutlich weniger dichte Duktus betont die Bewegung des Grases. Zusätzlich führt die geringere Intensität des schwarzen Farbtons dazu, dass diese Partien zugunsten der Boote in den Hintergrund treten. Ein weiteres Charakteristikum der Werke Noldes besteht darin, dass er sich in ihnen über die klassi-sche Figur-Grund-Beziehung hinwegsetzt. So ordnet sich die Figur, also die Zeichnung der Boote sowie der Natur auch im vorliegenden Bild partiell den Farben bzw. dem Malgrund unter. So erscheint das Schilfgras mal gelb mal grün und mal Orange. Zwischen den Aquarelltönen des Untergrunds und dem satten Schwarz der Zeichnung entsteht so ein Ringen um Ebenbürtigkeit, beides will gleichermaßen beachtet werden. Noldes Bild ver-weist hierdurch auf eine Realität, einen Moment der Wahrheit, welcher sich jenseits des abgebildeten Motivs befindet. Schon früh setzt Nolde sich mit der Natur und ihrem Moment der spirituellen Erfahrbarkeit auseinander, wie es schon Caspar David Friedrich zuvor getan hat. Wie auch für C. D. Friedrich sollen seine Landschaften nämlich keine “bloßen Stimmungsbilder, auch keine Spiegelungen zufälliger atmosphärischer Erschei-nungen, sondern wahre ‘Seelenlandschaften’”3) sein.

Anm.:
1) Martin Urban, “Emil Nolde – Landschaften", Köln 1969, S. 11.
2) Zitat Emil Nolde, in: Martin Urban, “Emil Nolde – Landschaften", Köln 1969, S. 2.
3) Martin Urban, “Emil Nolde – Landschaften", Köln 1969, S. 7.
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