Überblick Emil Schumacher, G-2, 1973
G-2
Gouache auf Papier ; 1973 ; 84 x 59 cm
Signiert und "73" datiert
Expertise: Dr. Ulrich Schumacher, Hagen
Provenienz:
Privatsammlung Berlin
Die Natur dient Schumacher als unerschöpflicher Ideenfundus. Das Bewusstsein vom allgegenwärtigen Wirken der Natur als einer Energie, die hinter der Erscheinung der Dinge verborgen liegt, ist seinen Arbeiten immanent. Landschaftsverweise vermischen sich mit Vorstellungen elementarer Naturkraft, die eruptiv ausbricht, erkaltet, zerfällt und zum Rohstoff neuer Linien wird. Auf zahlreichen Reisen insbesondere an die nordafrikanische Mittelmeerküste und in die alpine Welt sucht der Künstler mehrmals jährlich den unmittelbaren Kontakt zur Landschaft, zur Tierwelt und einer naturnahen Lebensweise. Ohne Gesehenes oder Erlebtes abbilden zu wollen, entstehen seine Linien, Formen, Strukturen und Farbe gleichsam parallel zur Natur.
Schumachers Aufmerksamkeit gilt vor allem der Materialität seiner Mittel. Er verarbeitet Malerei zum Relief und zur Plastik, hebt sie auf eine sinnliche Stufe, die einzigartig ist. Das verwendete Pigment wird oft zum zentralen Akteur seiner Bilder. Schumacher mischt dieses zumeist selbst an. Seine bevorzugten Farben sind vor allem Blau, Rot und Gelb, häufig durchbrochen von den typischen schwarzen Bögen oder Linien.
Oft verwendet Schumacher diese Pigmente in kaum gebundener Form, um einen möglichst intensiven Ausdruck zu erzielen und auf die Plastizität des Pigments hinweisen zu können. Schumacher fordert bei allem, was er tut, den Widerstand des Materials heraus. Kaum ein stoffliches Relikt existiert, das für ihn nicht bildwürdig wäre. So verbiegt er Metallfolien, zerknetet und modelliert Papiermassen, zerschlägt Holz, schmilzt ganze Teerbrocken ein und befestigt sie als Klumpen in seinen Bildern.
Den Schöpfungsakt beschreibt Schumacher mit folgenden Worten: „Ich gehe das Bild unmittelbar an, dabei kommt es zu einer Begegnung des Materials mit mir, wobei ich ihm den Willen lasse, denn ich habe erfahren, dass es weiser ist als alle Berechnung. Handwerk, Technik, Erregung sind eins. Die Farben reißen die Formen an sich, die Zeichen verlangen die Farben – indem ich mich mitreißen lasse, gewinne ich mein Bild.“1) Dabei weiß Schumacher um die spezifischen Fähigkeiten einer Farbe, er kennt die Schwingungswerte seiner Materialien und die durch sie ausgelösten Assoziationsketten. Der Farbwert in seiner unendlichen Vielfalt drückt emotionale, sensitive Empfindungen, Wahrnehmungen und Reaktionen aus, die sich im Augenblick der schöpferischen Handlung zu einem Ausdruckszeichen verdichten.
Schumachers Malerei ist großzügig und kraftvoll, zugleich aber auch von einer großen Sensibilität getragen, die um die Notwendigkeit der malerischen Nuancen und graphischen Wertigkeiten weiß. Seine Bilder sind herb im Aufzeigen ihrer Materialbezogenheit, in der Vehemenz einer eingegrabenen und aufreißenden Strichführung, und sie konfrontieren im selben Augenblick mit der verhaltenen Poesie des organisch Gewachsenen, mit der unanzweifelbaren Richtigkeit einer überlegten Gestik und inneren Rhythmik, die sich durch Ruhe und Geschlossenheit auszeichnet. Wandlung als Phänomen an sich wird vor Augen geführt. So erweist sich seine Kunst als Huldigung an alles Lebendige.
Das mit „G-2“ betitelte Werk aus dem Jahr 1973 veranschaulicht die vorangegangenen Gedanken sehr deutlich. Das zerknitterte un stark faltige Papier weist auf die intensive Bearbeitung durch den Künstler hin. Schumacher scheint das Papier mehrfach mit Farben durchtränkt zu haben, sodass sich strukturelle Verwerfungen gebildet haben, die an eine sandige Berglandschaft aus Vogelperspektive
erinnern. Das Papier wird von der sinnlichen Leuchtkraft eines Bronzetons dominiert, der sich aber keineswegs flächig über das Papier
verteilt. Nacheinander scheint Schumacher auf dem Papier in unterschiedlichen Bereichen Farbpfützen in Ocker, Rostrot und anderen
Farbtönen angelegt zu haben, die dann langsam ausgetrocknet zu sein scheinen, sodass das Pigment sich in den Niederungen der jeweiligen Partien des Papiers hat niederlassen können. Schumacher hat diesen Effekt in der Natur beobachtet. Hierdurch gelingt es ihm
die scheinbar brüchige, unruhige Bildoberfläche zu betonen, bevor er auf diese ‘Grundierung’ seinen sehr markanten, schwarzen Bogen setzt, der sich zeichenhaft von dem leuchtenden Hintergrund abhebt.

Anm.:
1) Emil Schumacher (1957), zit. nach: „Emil Schumacher, Arbeiten auf Papier 1957-1958“, Ausst.-Kat., Hannover, Darmstadt, Ludwigshafen 1982, S. 41.
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