Überblick Emil Schumacher, Knospende Kastanienzweige, 1947
Knospende Kastanienzweige
Tempera und Aquarell ; 1947 ; 50 x 40 cm
Signiert und datiert
Emil Schumacher steht 1945, wie viele seiner Kollegen, am Nullpunkt. In der Zeit vor und während des Krieges, in der er als Zeichner in einem Rüstungsbetrieb arbeiten musste, war es ihm nicht möglich, eine persönliche malerische Handschrift zu entwickeln. So begibt er sich zunächst auf die Suche nach den künstlerischen Entwicklungen der Vorkriegszeit, entdeckt dabei aber kaum kunsthistorische Vorbilder. Was er schafft, kommt vielmehr von Anfang an aus seinem Inneren. Seine Inspirationsquelle ist das Lebendige, in der Natur und in der Stadt. Hagen, die gesichtslose, öde Industriestadt, umgeben von den grünen Hügeln der sauerländischen Landschaft, ist seine Heimat. Er wohnt Zeit seines Lebens im Haus seiner Eltern, ohne dass er nach eigener Aussage entwurzelt wäre. Schumacher ist ganz Einzelgänger. „Meine Empfindungswelt trifft sich mit den Vorgängen der Natur“ 1), sagt Schumacher. Er habe nicht wie Cézanne parallel zur Natur gearbeitet, sondern wie die Natur, betont der Künstler. Wachsenlassen, Auswählen, Zerstören. In dieser Zeit des ersten Aufbruchs entsteht unser Blatt „Knospende Kastanienzweige“. Aus dem Ungefähren, Nicht-Fassbaren ragen die Kastanienknospen von rechts und unten in das Bild. Zartes Rosa, gehöht von Weiß bricht aus den knorrigen braun-schwarzen Zweigen hervor. Der farbliche Klang des Blattes wird von Braun- und Rosétönen bestimmt. Der zart lavierte Hintergrund trägt dazu bei, dass die Zweige isoliert und ohne räumliche Zugehörigkeit für sich stehen. Der Bildausschnitt ist ungewöhnlich. Die Knospen schieben sich entgegengesetzt zur Blickrichtung von rechts ganz unmittelbar ins Blickfeld. Die Zweige scheinen in ihrer hervorbrechenden Bewegung den Bildrand gar sprengen zu wollen. Darin liegt der Ausdruck dynamischen, energetischen Wachstums.

Emil Schumacher hat immer wieder auf seine Bindung an die Natur hingewiesen. Sie ist ihm ein Synonym für beständiges Wandeln und Werden. In wechselnder Gestalt wiederholt sich in ihr ein immergleicher Wachstumsprozess, der die Fähigkeit zur Selbsterneuerung mit einschließt. Die Natur ist ihm gleichbedeutend mit jenem unsichtbaren Wirken, das gestaltbildend ist und als energetisches Prinzip jedem Wandel zugrunde liegt. Für Schumacher ist sie Bildanlass und dauernde Quelle der Inspiration. Gleichgültig wie weit er sich mit seinen Werken von der Natur entfernt, geschieht dies doch einzig zu dem Zweck, ihr Wesen vollkommen zu erkennen und wiedergeben zu können. Nie geht er dabei analytisch vor, und nie finden sich illusionistische Spiegelungen des Gesehenen. Jedes Werk entsteht aus innerer Versenkung in das Erschaute. So geht es ihm auch in seinen frühen, gegenständlichen Bildern nicht nur um Abbildlichkeit, sondern vor allem um den strukturellen Bezug zum Naturkreislauf. Die knospenden Zweige sind deshalb nicht nur als attraktive Darstellung zarter Jungpflanzen zu verstehen, sondern vielmehr auch als Synonym für Schumachers Aufbruch zur Suche nach einer stets an der Natur orientierten Kunst, die sich mit dem Prozess des Werdens und des Verfalls auseinandersetzt.

Schumachers künstlerische Entwicklung ist von den frühen Landschaften und Stillleben um 1947 bis zu den späten Arbeiten von großer Ruhe, Konzentration und bildnerischer Dichte geprägt. Entscheidend ist ihre entpersönlichte, dingliche Präsenz durch die malerische Qualität, die, realistisch angelegt, aber doch schon abstrakt aufgefasst ist. Abstrakt heißt, das Wesen der Dinge als eine malerische Herausforderung zu begreifen, so wie der Künstler sie sieht und nicht wie sie tatsächlich existieren. Optisches Erleben und dessen Widerhall in der eigenen Person fließen in Schumachers Arbeit mit ein. Die Dinge sind Grundlage, aber nicht das Thema der Bilder, auch nicht der gegenständlich gemalten. Die Arbeiten aus den ersten Nachkriegsjahren bestätigen das durch ihre kontrollierte formale und strukturelle Gestaltung.

Anmerkungen:
1) Zitiert nach „Emil Schumacher. Zeichen und Farbe”, mit einem Beitrag von Karl Ruhrberg, Köln 1987, S. 12.
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