Überblick Emil Schumacher, Ohne Titel, 1964
Ohne Titel
Gouache ; 1964 ; 66 x 50 cm
Signiert und "64" datiert
„Wenn ich male, bin ich immer sehr fiebrig angespannt; ein Willensakt, bei dem ich zwischen Gefühl und Verstand schwebe. Das Bild, das ich male, entnehme ich der Natur, ohne mich daran zu binden. Sie ist nur der Anlass, das nicht sichtbare Hintergründige darzustellen. Ich taste mich langsam vorwärts, ohne dass ich im einzelnen weiß, wohin es führt. Nur das gesamte Bild kenne ich zu jeder Zeit der Arbeit. [...] Ich habe kein Schema nach welchem ich male, alles ist mir recht, um zum Resultat zu kommen. Kristallisiert sich eine Methode heraus, so soll man aufhören, denn damit kommt die Routine und Langeweile.“1)
Weder Vorstellung, noch Idee oder Konzept bestimmen Emil Schumachers abstrakte Malerei. Den ersten Schritt zu noch unbekannten Ausdrucksmöglichkeiten wagt er um 1951 und bis zu seinem Tod folgt er diesem abenteuerlichen Weg unbeirrt. Allein Erlebnis und Empfindung leiten und verbinden sein künstlerisches Tun. Dies gilt gleichermaßen für die Gemälde wie für die Gouachen, die von Anbeginn kontinuierlich sein Schaffen als eigenständige Werkgruppe begleiten. Mehr noch als den großen Leinwandarbeiten liegt ihnen eine spielerische und spontane Haltung zugrunde – denn rasch und mit leichter Hand gemalt, entstehen sie ohne den belastenden Anspruch auf Endgültigkeit aus einer inneren Freiheit, die neue Entwicklungen ermöglicht.
Die Herausforderung Bild beginnt Schumacher auch bei unserer Gouache mit der Grundierung: unregelmäßig überzieht er die gesamte Fläche schnell mit einer pastosen weißlichen Schicht, lässt dabei einige Stellen stehen, bedeckt andere mit weniger Farbe, so dass der Bildträger durchscheint. Das so zufällig Entstandene geht über die eigentliche Bedeutung einer vorbereitenden Grundierung hinaus, es ist vielmehr schon ein wesentlicher Bestandteil des später gültigen Werks. Von den sich ergebenden Strukturen wird der Maler zum nächsten Schritt provoziert, zur Anlage der linearen Komposition. Zögernd und zart, dann hastig und gebrochen, aber stets mit äußerster Konzentration schreibt er die schwarzen Linien ein. Sie geben Richtungen vor, grenzen etwas ein und zugleich etwas aus, und haben immer einen Eigenwert. Im Wesentlichen bergen sie in sich bereits das spannungsvolle Verhältnis, das Schumacher als Ganzes sucht. Um dieses auszuloten, bringt er im weiteren Gestaltungsprozeß schließlich Farbe ins Spiel. Er reibt Blau transparent auf, „schmiert“ Braun dick darüber, wischt es wieder weg und trägt es erneut auf. So entstehen Durchblicke, Akzente und Kontrapunkte. Wie die Zeichnung führt auch die Farbe ein Eigenleben in einem Zwischenbereich von Gegenständlichkeit und Abstraktion. Denn sie ist für den Künstler zunächst einmal Material – tastbar, erdhaft, mit den Händen zu be- und verarbeiten. Neben diesem sinnlichen Erlebnis besitzt sie auch emotionale Kräfte, die ihn zum Handeln stimulieren. Aus dem wechselvollen Dialog von Farbe und Linie, Form und Antiform entsteht die werkimmanente Harmonie, die Assoziationen von Landschaftlichem zulässt. Ohne direkten Bezug zur optisch wahrnehmbaren Realität geht das künstlerisch Gewachsene unter die Oberfläche und dringt in tiefere Schichten.

Anmerkungen.:

1) Emil Schumacher.: „Emil Schumacher – Arbeiten auf Papier 1957–1982, Ausstellung zum 70. Geburtstag“, Ausst.-Kat., Kunstmuseum Hannover mit Sammlung Sprengel/ Kunsthalle Darmstadt/Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen am Rhein 1982/83, S. 26
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