Überblick Ernst Wilhelm Nay, Pompejanisches, 1949
Pompejanisches
Gouache und Bleistift auf Papier ; 1949 ; 16,5 x 31,5 cm | 6 1/2 x 12 1/2 in
Signiert und "49" datiert sowie auf dem Unterlagekarton von fremder Hand "Ernst Wilhelm Nay: Pompejanisches 1949 Gouache" bezeichnet
Auf dem Unterlagekarton "Ernst Wilhelm Nay: Pompejanisches 1949, Gouache" von fremder Hand betitelt und bezeichnet
Provenienz:
Sammlung Anne und Alfred Hentzen, Hamburg
Ausstellung:
Kestner-Gesellschaft, "Ernst Wilhelm Nay", Hannover 1950
Literatur:
Magdalene Claesges, "Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen. 1949-1953", Bd. 2, Stuttgart 2014
Galerie Ludorff,"Ernst Wilhelm Nay - Zum 100. Geburtstag", Düsseldorf 2003
Kestner Gesellschaft, "Ernst Wilhelm Nay", Hannover 1950
Die vorliegende Gouache zählt zu einer Schaffensperiode, in welcher Ernst Wilhelm Nay – auf der Suche nach Erneuerung – häufig Rückbezüge auf die Ursprünge der Zivilisation, die antike Mythologie, herstellt. Die kräftigen Farben von »Pompejanisches« scheinen vor unseren Augen zu tanzen. Sie sind in dynamischer Bewegung be­griffen, formieren sich zu geschwungenen, kreiselnden Formationen und bilden Schleifen. Assoziationen an Gegenständliches werden an einigen Stellen geweckt: sind es Augen, Vögel, Körperteile? Die Farben der Flächen prallen in ihrer ungeheuren Intensität aufeinander, entwickeln eine Dynamik, die sich in der Fläche wie ein bewegter Teppich vor den Augen ausbreitet. Die Raumordnung wird allein durch die Distanzwerte der Farbe hergestellt und erscheint als bewegtes Flächenrelief. Heraus bildet sich das aperspektivische, durch Farbabläufe bewegte Bild, das sich allein aus der Farbe aufbaut. Das Schwebende der abstrakten Figurationen und die Stimmungsqualität des Farbklanges haben etwas Heiteres, Spie­lerisches oder wie es ein Kritiker formuliert: »Nays Bilder sind die Präludien zu einer neuen Welt, die sich in Weite und Helle einrichtet.«1
»Pompejanisches« ist zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem sich Nay von der gegenständlichen Malweise ab­­wendet und seine Bilder zunehmend abstrakter werden. Angesichts der Entwicklungen in den Naturwissenschaften, etwa Einsteins Relativitätstheorie oder der zeitgenös­sischen Philosophie, spricht Nay von einer Geworfenheit des Menschen ins unbestimmt Gestaltlose. Durch einen solchen, nicht mehr rückgängig zu machenden Welt-, Wirklichkeits- und Raumverlust bleibt der Malerei kein Gegenstand mehr, nur noch die Fläche und die Farbe. Aufgabe der Malerei ist es nun, einen neuen Raum und neue Gestaltungsmöglichkeiten mittels einer rhythmisch über die Fläche ausgebreiteten Ordnung kostbarster Farben zu erforschen. Gleichzeitig ist es Nays Anliegen, im Bild die universelle Dynamik zum Ausdruck zu bringen, die Auflösung des Stoffes in bewegte Energie – ebenfalls ein Gedanke, den er aus der modernen Physik ableitet. In aus­fahrenden Schwüngen schreibt der Künstler Arabesken. Leitform ist die Schleife, die oft in sich zurückkehrt und eine Herzform bildet. Diese Arabesken sind Ausdruck der dynamischen Bewegung, die Nay als das wichtigste konstituierende Element der Wirklichkeitsempfindung seiner Epoche erscheint. Das Zeichen für Unendlichkeit – die liegende Acht – wird für ihn zur symbolischen Form, die, weil sie immer in sich zurückkehrt, gleichzeitig Dynamik und Ganzheit repräsentiert.

1. Friedrich Rasche, »Vorausschöpfung neuer Wirklichkeit«, in: Braunschweiger Presse, 12.4.1955, zit. ebenda, S. 11.
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