Überblick Lesser Ury, Am Kurfürstendamm, 1919
Am Kurfürstendamm
Kohle auf Velin ; 1919 ; 63 x 50 cm
Signiert und datiert
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Privatsammlung Berlin
Die Zeichnung „Am Kurfürstendamm“ stellt eine ganz bezeichnende Arbeit im künstlerischen Schaffen Lesser Urys dar. Als einer der bedeutendsten Wegbereiter des deutschen Impressionismus findet der seit 1887 in Berlin ansässige Künstler frühzeitig zu dem für ihn so charakteristischen Bildthema: der Berliner Straßenszene. In immer neuen Variationen greift er dieses Thema auf, um es mit Ölfarben, Pastellkreiden, Kohle oder druckgraphischen Mitteln bildhaft umzusetzen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Ury zu seinem 60. Geburtstag im Jahre 1921 von Berlins Oberbürgermeister als „künstlerischer Verherrlicher der Reichshauptstadt“ geehrt wird.
In der hier vorliegenden Zeichnung widmet sich Ury einer Ansicht des innerstädtisch gelegenen Kurfürstendamms. Die Arbeit zählt zu den frühesten Darstellungen des Kurfürstendamms im Werk des Künstlers überhaupt. Sie ist kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstanden, zeigt aber das Erscheinungsbild der Straße in der Kaiserzeit, während der sie sich unaufhaltsam von einem „Knüppeldamm“ zu einem Prachtboulevard mit vornehmen Wohn- und Geschäftshäusern entwickelt.
Ury fängt die Szenerie an einem kalten Herbsttag ein. Die Bäume, welche die Straße beidseitig säumen, haben ihr Laub verloren und strecken ihre kargen Äste dem Himmel entgegen. Am rechten Bildrand ragen die pompösen Dächer der mehrgeschossigen Mietshäuser hinter den dicht an dicht stehenden Alleebäumen hervor. Eine Dame verlässt den Bürgersteig und betritt eiligen Schrittes den breit angelegten Fahrtweg. Dort steht ein Kutscher mit seiner Pferdedroschke, die Zügel fest in der Hand, zur sofortigen Abfahrt bereit. Nach einem Regenschauer ist der Himmel noch immer wolkenverhangen. In den Pfützen der nassen Fahrbahn spiegeln sich schemenhaft die Silhouetten der dargestellten Dinge wider.
Ury bezieht sich in der Komposition auf ein Gemälde von 1910. Die spätere Entstehungszeit offenbart sich nur im Detail, so trägt die Dame im Vergleich zum früheren Ölbild statt eines breitkrempigen Hutes eine eng anliegende Kopfbedeckung.1) Mit dem wiederholten Zurückgreifen auf seine bereits gemalten Bilder verfolgt Ury ein konkretes künstlerisches Ziel: Er ist bestrebt, die mit dem Pinsel und der Farbe wiedergegebenen Stimmungen und atmosphärischen Effekte auch in Schwarz-Weiß einzufangen.2) Mit einer verfeinerten Handhabung der Kohle schafft Ury differenziert abgestimmte Tonwerte und erreicht einen nuancierten Verlauf vom tiefen Schwarz über ein zartes Grau bis hin zum hellen Farbton des Papiers und erweist sich auch darin als Zauberkünstler des Lichts. „Ury ist, welches Material auch immer er verwendete, der geborene Maler, dem auch das Schwarz-Weiß zum Farbenträger gerät, der alles in Farben erlebt.“3) Ury richtet seinen Fokus auf die alltäglichen Begebenheiten in der Metropole und bündelt in dieser Kohlezeichnung, genauso virtuos wie in der Öl- oder Pastellmalerei, die visuell wahrnehmbaren Phänomene der Lichtbrechung und Spiegelung zu einer stimmungsvollen Momentaufnahme der großstädtischen Dynamik.

Anm.:
1) Vgl. Dokumentation zur Expertise von Dr. Sibylle Groß, Berlin 2010.
2) Vgl. Detlev Rosenberg, „Lesser Ury – Das druckgraphische Werk“, Berlin 2002, S. 15.
3) Karl Schwarz , a.a.O., S. 84.
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