Überblick Lesser Ury, Bellevuestraße am Abend, vor 1920
Bellevuestraße am Abend
Öl auf Leinwand ; vor 1920 ; 52 x 36 cm
Signiert und auf dem Keilrahmen "LEOPOLD HESS Kunstmaterialien Berlin W. Genthiner Str. 29“ bezeichnet
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Sammlung James M. und Vivian Tyrrell, Paradise, USA; Privatsammlung Kalifornien (seit 1991)
Lesser Ury, Maler vibrierender Großstadtimpressionen und Berichterstatter eines neuen, großstädtischen Existenzgefühls wird lange Zeit vernachlässigt und missverstanden, bildet seine Kunst – insbesondere seine Behand­lung von Licht und Bildatmosphäre – einen innovativen, eigenständigen Beitrag zur modernen Malerei in Deutschland.1 »Er durchwandert die Straßen, in denen sich ein geschäftiges Treiben [...] abspielt, und beobachtet das oft hastende Gebaren der Menschen, fixiert mit verblüffender Schlagkraft die sich ihm darbietenden Erscheinungen und saugt aus dem wechselvollen Bilde die feinsten Stimmungseffekte, die sich unter seiner Hand zu Kunstwerken seltenster Art kristallisieren«, so charakterisierte Karl Schwarz 1920 den Maler.2 Seine ersten nächtlichen Straßenbilder malte Ury bereits Mitte der 1880er Jahre in Paris. Nachdem er 1887 nach fast zehnjähriger bewegter Lehr- und Wanderzeit nach Berlin zurückgekehrt war, wurden sie zum favorisierten Sujet. Er hatte es, schrieb Fritz Stahl 1916, für sich ganz allein: »Gerade in der Wahl dieses besonderen und höchst schwierigen Themas zeigt sich die Unabhängigkeit dieses Malers von der Malerei. Nicht nur keine Lehre, sondern auch keine Ausstellung hat die leidenschaftliche Liebe zu diesen Motiven wecken können. Sie kam aus dem Leben.«3 Ihn faszinierte die Wiedergabe des Lichts, der spiegelnden und schimmernden Lichteffekte der neuen elektrischen Straßenbeleuchtung und deren Intensivierung auf regennasser Straße: »Glitzern in der Luft, Magie des doppelten Scheins, Ury ist in seinem Element, dem Regen.«4 Im Herbst 1882 installierte die Firma Siemens & Halske die ersten elektrischen Bogenlampen am Potsdamer Platz und der Leipziger Straße.5 Sie standen zunächst auf den großen Pracht­boulevards, wo Ury seine Motive fand. »Er sah, wie auf den nässedurchtränkten Bahnen breiter Asphalt­straßen das von oben her einfallende Licht als goldene Flut einherschwamm, sich von hintenher ergoß und in immer breiterem Strome nach vorn quoll, gleichsam die Füße des dort Stehenden umspülend.«6
Es klingt wie eine Beschreibung unseres Gemäldes. Eindringlich präsentiert Ury auch hier unterschiedliche Licht­qualitäten, das kühle Licht der Bogenlampen und das warme Licht der Schaufensterbeleuchtung. Steil fluchtet die Allee mit ihren hoch aufragenden, kahlen Bäumen in die Tiefe. Eine als dunkle Gestalt nur schemenhaft beleuchtete Frau überquert die nasse Fahrbahn in Richtung der Geschäfte, während rechts eine Droschke eilig davon fährt. Auf dem hell erleuchteten Bürgersteig kommt ein eng aneinandergeschmiegtes Paar schnellen Schrittes dem Betrachter entgegen. Eine geheimnisvolle Atmosphäre trägt die Darstellung. Auf ebensolchen Straßenszenen der rastlosen Metropole Berlin begründete sich der Ruhm des Malers.

1 Vgl. Hermann A. Schlögl, Matthias Winzen (Hg.), »Lesser Ury und das Licht«. Ausst.-Kat. Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Oberhausen 2014.
2 Karl Schwarz, »Lesser Ury. Verlag für Jüdische Kunst und Kultur«, Fritz Gurlitt: Berlin 1920, S. 10-12. Vgl. ders.: »Lesser Ury. Ein Essay.« In: »Lesser Ury, Zauber des Lichts«, Ausst.-Kat. Käthe-Kollwitz-Muse um, Berlin 1995, S. 78-80.
3 Fritz Stahl: »Lesser Ury. Im Salon Cassirer«. Berliner Tageblatt, Nr. 549, 26.10.1916, S. 2.
4 Joachim Seyppel: »Lesser Ury. Der Maler der alten City«, Berlin 1987, S. 61.
5 Vgl. James Hobrecht, »Entwickelung der Verkehrs-Verhältnisse in Berlin«, Berlin 1893, S. 21.
6 Franz Servaes, in: »Lesser Ury Gedenk-Ausstellung«, Ausst.-Kat. Nationalgalerie Berlin 1931, S. 8.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com