Überblick Lesser Ury, Caféhausszene, 1920er
Caféhausszene
Öl auf Malkarton ; 1920er ; 16 x 9 cm
Rückseitig mit dem Nachlassetikett versehen und von fremder Hand "602" nummeriert
Rückseitig mit dem Nachlassstempel und der dazugehörigen Nr. “602" versehen
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Nachlass des Künstlers; Minna (Miriam) Behrendt, Berlin/Stettin (1932); Galerie Pels-Leusden, Berlin; Privatsammlung Nordrhein-Westfalen
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2012", Düsseldorf 2012
Nach Plänen des renommierten Architekten Franz Heinrich Schwechten, der sich um die Jahrhundertwende vor allem mit dem Bau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Breitscheidplatz in Berlin einen Namen gemacht hatte, wurde 1912 das sechsstöckige „Haus Potsdam“ im Herzen Berlins nahe des Potsdamer Bahnhofs eröffnet. Neben Büroräumen, einem Filmtheater und mehreren kleinen Speiselokalen war darin das „Café Piccadilly“ untergebracht. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges erfuhr das Café eine Umbenennung und firmierte fortan, bis zum Ende seiner Bewirtschaftung im Jahre 1953, unter der Bezeichnung „Kaffee Vaterland“.1) In dem kleinformatigen Gemälde „Caféhausszene“, welches in den 1920er Jahren entstanden ist, gibt Lesser Ury Einblick in das Geschehen in eben diesem Berliner „Kaffee Vaterland“, welches mit 2500 Sitzplätzen zu jener Zeit das größte Café am Potsdamer Platz war.
Bei der Wahl seiner Berliner Motive begibt sich Lesser Ury bevorzugt an exponierte Plätze, durchstreift, immer wieder auch bei Nacht, belebte Straßen und Viertel und besucht als aufmerksamer Beobachter stadtbekannte Etablissements. Hier vollzieht sich das moderne Leben der Großstadt, zeigt sich das wandelbare Gesicht der Metropole zu allen Tages- und Nachtzeiten. „Nicht Weinlokal, Kneipe, Speiserestaurant, Destille wählt Ury, sondern das Café. Ihn interessiert nicht Schlemmerei, Sauferei, proletarische Budiken im Osten, Kempinski oder Horcher im Westen, ihn fasziniert der Spätnachmittag, Five o’clock tea, die Zäsur zwischen Werktag und Feierabend, die Schummerstunde, die Dämmerung, das Zwielicht […]. Zum Kaffeehaus gehört eine kleine Musikkapelle, und die Musik in einer kleinen Conditorei hebt alles auf. Farben und Töne, Farb-Töne.“2)
Das „Kaffee Vaterland“ erstreckt sich über zwei Etagen, wobei das Kernstück ein zentral gelegener Saal bildet, auf welchen die Besucher, auf Balkonen sitzend, hinabschauen können. Die Wände und Pfeiler sind prunkvoll mit dunkelgrünem Marmor und farbigem Granitstein verkleidet, die Balkonbrüstungen mit Mosaiken geschmückt und die Kassettendecke zieren prächtige Malereien. Ury richtet seinen Blick jedoch nicht auf die aufwendige Raumgestaltung. Auf einen kleinen Ausschnitt des Geschehens konzentriert, interessiert ihn vielmehr das genießerische Treiben der Café-Besucher und insbesondere, wie sich Mobiliar und Gast im Zigarettenqualm und im Schein des elektrischen Lichtes aufzulösen und miteinander zu verschmelzen scheinen. Von einer Dame im Vordergrund ausgehend, die ihren Kopf im Profil dem Betrachter entgegen wendet, wird der Blick weiter ins Rauminnere gezogen. Schemenhaft gruppieren sich hier zahlreiche Gäste, Pfeife rauchend und Tee trinkend, um die runden Caféhaustische. Mehrere leuchtend rote Kopfbedeckungen setzen Akzente in der in dunklen Braun- und Schwarztönen gehaltenen Farbkomposition, die von elektrischen Lichtquellen erhellt wird. Erleuchten draußen auf den Straßen Gaslaternen bzw. Bogenlampen, Leuchtreklamen und die Scheinwerfer der vorbeibrausenden Automobile die Umgebung, erstrahlt die „Caféhausszene“ im Licht der prunkvollen Kronleuchter. Ihr warmes, gelbes Licht steht im Kontrast zur rauchgeschwängerten, dunstigen Luft, in der die Konturen der Kompositionselemente verschwimmen. Gerade durch dieses Auflösen der Formen in Farbflecken verleiht Ury der anregenden Atmosphäre, dem Stimmengewirr und dem Kaffeeduft leibhaftigen Ausdruck und versetzt die Luft in Schwingungen. Ury sieht und arrangiert die Melodie der Großstadt als einen harmonischen, betörenden Farbklang.
Gerade in seinen kleinsten Formaten, die direkt vor Ort gemalt werden, gelingt Ury eine eindrückliche Schilderung des Gesehenen, das in seiner kompositorischen und atmosphärischen Dichte den Großformaten ebenbürtig ist und ein besonders charakteristisches Stimmungsbild vom Leben im Berlin der 1920er Jahre vermittelt.

Anm.: 1)Vgl. Dokumentation zur Expertise von Dr. Sibylle Groß, Berlin 2010.
2)Joachim Seyppel, „Lesser Ury: Der Maler der alten City. Leben – Kunst – Wirkung. Eine Monographie“, Berlin 1987, S. 60.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com