Überblick Lesser Ury, Im Café Bauer, Berlin, ca. 1888/1889
Im Café Bauer, Berlin
Öl auf Leinwand auf Malkarton ; ca. 1888/1889 ; 72 x 49 cm
Signiert
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Leo Spik, Berlin (1985); Galerie Pels-Leusden, Berlin (1986); Sammlung Klaus Johann Jacobs, Zürich; Johann Jacobs Museum, Zürich
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2018", Düsseldorf 2018
Berlin Museum, "Stadtbilder. Berlin in der Malerei vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart", Berlin 1987
Ausstellungspavillon an der Prinzregentenstraße/Ecke Prannerstraße, "Internationale Kunst-Ausstellung des Vereins bildender Künstler Münchens (A. V.) 'Secession'", München 1895
Literatur:
Hermann A. Schlögl/Karl Schwarz, "Lesser Ury. Zauber des Lichts", Ausst.-Kat. Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin 1995
Rolf Bothe (Hg.), "Stadtbilder. Berlin in der Malerei vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart", Ausst.-Kat. Berlin Museum, Berlin 1987
Anzeige 534. Auktion bei Leo Spik KG, Berlin, in: Die Weltkunst 55/19 (1985)
Anzeige Leo Spik, Berlin, in: Die Weltkunst 55/18 (1985)
Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft (Hg.), "Offizieller Katalog der Internationalen Kunst-Ausstellung des Vereins bildender Künstler Münchens (A. V.) 'Secession'", Ausst.-Kat., München 1895
Warmes, goldgelbes Licht durchflutet den Raum. Es herrscht eine angenehme, unbeschwerte Atmosphäre und fast ist man geneigt, die Zeitungen, die auf dem Stuhl im Vordergrund liegen beiseite zu räumen und sich zu dem Zigarre rauchenden Herrn zu gesellen, der tief in seine Lektüre versunken ist. Die offene Balkontür schräg hinter ihm erlaubt den Blick nach draußen. Beim Schein einer Straßenlaterne sitzt dort ein Pärchen ins Gespräch vertieft und genießt die letzten Stunden des lauen Sommerabends.
Lesser Ury ist ein Meister alltäglicher Darstellungen und atmosphärischer Phänomene. Ganz in der Tradition Adolph Menzels, doch mit sehr viel stärkerem Interesse für malerische und Beleuchtungseffekte, gelingt es ihm wie kaum einem anderen impressionistischen Künstler um 1900, den Zeitgeist der Belle Époque immer wieder aufs Neue einzufangen. In den zahlreichen Café- und Straßenszenen, die Ury auf Papier und Leinwand bannt, fühlt sich der Betrachter regelrecht zurückversetzt in jene Zeit. Das vorliegende Gemälde zählt zu Urys frühen Caféhausszenen und ist in der Zeit nach Rückkehr des Malers nach Berlin und noch vor seiner Italienreise Ende des Jahres 1890 entstanden. Abgebildet ist der Leseraum des »Café Bauer«, eines der von Ury zu jener Zeit meist frequentierten Caféhäusern in Berlin. 1877 von dem Wiener Cafetier Mathias Bauer Unter den Linden eröffnet, erfreute es sich bei der gehobenen Berliner Gesellschaft schnell großer Beliebtheit. Auslöser hierfür war neben der mondänen Atmosphäre vor allem das reiche Angebot an Zeitungen, das alles bis dahin gewohnte übertraf. Ein Verzeichnis der ausliegenden Zeitungen, Wochenschriften und Broschüren umfasste im Entstehungsjahr des Gemäldes ganze 348 Titel aus Afrika, Amerika, Asien, Australien und den meisten Ländern Europas, überwiegend aus Deutschland und Österreich-Ungarn. Desweiteren war das Café seit 1884 das erste, das mit elektrischem Licht ausgestattet war und somit den Gästen auch bei später Abendstunde das Zeitunglesen ermöglichte.1

1 Vgl. Renate Petras, Das Café Bauer in Berlin, Berlin 1994, S. 38–52.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com