Überblick Lesser Ury, Nächtliche Straßenszene Berlin - Leipziger Straße, um 1915-20
Nächtliche Straßenszene Berlin - Leipziger Straße
Öl auf Leinwand ; um 1915-20 ; 51 x 36 cm
Signiert
Expertise: Dr. Sybille Groß, Berlin
Provenienz:
Atelier des Künstlers; Sammlung Karl Rudolf Sandmann,Berlin; seither durch Erbschaft in Heidelberger Familienbesitz
Nach dem Studium der Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie lebt Lesser Ury für sieben Jahre in Paris, Brüssel, Flandern und München, bevor er 1887 nach Berlin zurückkehrt. Während seiner Abwesenheit hat sich das Gesicht der Metropole grundlegend verändert. Zu den Pferdebahnen und - droschken gesellen sich nun immer häufiger auch elektrische Straßenbahnen und vereinzelt Automobile. Neue Stadtviertel sind entstanden. Gaslaternen erhellen die Geschäfte und Gehsteige auch am späten Abend.
Der junge Maler zeigt sich von diesen Neuerungen tief beeindruckt. Immer häufiger bannt er den dynamischen Verkehr der Pferdedroschken und Straßenbahnen, der dampfenden Lokomotiven und Automobile und auch das warme Licht der Schaufenster, Cafés und Straßenlaternen auf seine Leinwand oder das Papier. Dabei geht es Ury aber nicht allein um die reine Wiedergabe technischer Errungenschaften. Vielmehr möchte er der Metropole nachspüren und der Aufbruchsstimmung des modernen Menschen ein Gesicht verleihen. So werden seine Straßenszenen immer von modisch gekleideten- Menschen bevölkert, die sich im vorliegenden Gemälde in warme Mäntel der Zeit gehüllt haben und sich unter Regenschirmen vor dem leichten Regen auf dem Nachhauseweg schützen. Sie beleben beide Seiten der Straße und scheinen vereinzelt aus einem Hauseingang oder Geschäft auf die Straße zu treten, um auf die nahende Bahn aufzuspringen. Durch großen Einsatz zu jeder Tages- bzw. Jahreszeit und bei Wind und Wetter hat Ury besonders eindrückliche Kunstwerke seiner Zeit geschaffen.
Im intensiven Kontakt zu den französischen Impressionisten hat Ury in Paris entscheidende Erkenntnisse über die Freilichtmalerei erworben, die er nun zu nutzen versteht. „In Berlin wird Ury vom Naturalisten zum Impressionisten“.1) Immer wieder variiert er das Thema der Straße mit seinen wechselnden Lichtquellen. Mal ist es das Tageslicht, mal das Licht der untergehenden Sonne oder des Mondes oder bereits das künstliche Licht des späten Abends und der Nacht, das sich auf dem Asphalt bricht oder vom regennassen Pflaster reflektiert wird. Einige seiner Werke scheinen von einer leichten Melancholie erfasst zu sein, „doch häufiger wird eine optimistische Bejahung der Großstadt, eine lebensfrohe, erwartungsvolle Spannung deutlich“.2) Das Gemälde „Nächtliche Straßenszene Berlin – Leipziger Straße“ verdeutlicht die große Meisterschaft Urys im Umgang mit der Farbe: Die Darstellung zeigt die Ansicht einer spätabendlichen Straßenflucht. Die Straße wird auf beiden Seiten von Häuserreihen gesäumt, die in der Ferne im Dunkel der Nacht verschwinden. Die strenge Zentralperspektive wird von den in der Mitte der Straße befindlichen Schienen unterstrichen, die durch feine Linien angedeutet und teilweise sogar in die Oberfläche der Ölfarbe geritzt sind. Einige Schaufenster sind von warmem, goldenem Licht erhellt. Der Gehsteig wird auf der dem Betrachter gegenüberliegenden Seite der Straße von hellen Laternen erleuchtet, die hoch über der Straße in der Luft zu schweben scheinen. Gemeinsam mit den Lichtern der dunklen Straßenbahn, die dem Betrachter fast bedrohlich entgegen zu rollen scheint, dem Licht der Automobile und den glitzernden Spiegelungen der Lichtquellen auf der feuchten Straße erzeugt Ury ein spannungsreiches Wechselspiel zwischen Dunkelheit und dem Glanz der Nacht. Es gelingt ihm hierdurch die naß-kalte, herbstliche Szene in einen fast mystisch-märchenhaften Ort zu verwandeln.
Im Gegensatz zu den Zeichnungen und den zahlreichen kleinen Gemälden aus der Hand Lesser Urys, handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit nicht um eine spontane Arbeit vor Ort sondern um ein sehr präzise durchgeplantes Gemälde, das wohl auf Basis von Vorzeichnungen und kleineren Ölstudien im Atelier entstanden sein muss. Ury präsentiert dem Betrachter nicht die direkte Wahrnehmung des Gesehenen vor Ort sondern den Eindruck, der ihm in Erinnerung geblieben ist. So fasst Karl Schwarz treffend zusammen: „Das Aufreizende (…) des mondänen Lebens einer Großstadt in seiner kaleidoskopartigen Bewegung hat keiner vor oder nach Ury so eindringlich und in immer neuen Variationen wiedergegeben. Es sind keine Szenenschilderungen, sondern optische Erlebnisse, die er mit unerhörter Sensitivität empfindet.“ 3)


Anm.:
1) Henrik Lungagnini, Lesser Ury – poetischer Chronist der Großstadt, in: „Ein Berliner Maler. Lesser Ury (1861 – 1931). Poetischer Chronist einer Großstadt“, Ausst. Kat.Batig Gesellschaft für Beteiligungen mbH, 14. November 1988 – 13. Januar 1989, o. S.
2) Karl Schwarz, Lesser Ury. Ein Essay, in: Hermann A. Schlögl / Karl Schwarz, Lesser Ury. Zauber des Lichts, Berlin 1995, S. 73 – 89, hier S. 78.
3) Ebd.
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