Überblick Lesser Ury, Siegesallee mit Siegessäule im Sommer, Berlin, ca. 1925
Siegesallee mit Siegessäule im Sommer, Berlin
Öl auf Leinwand ; ca. 1925 ; 9 x 16 cm
Signiert
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Sammlung Laura Fuld, Köln (seitdem in Familienbesitz, Pennsylvania); Privatsammlung Berlin
Neben Max Liebermann zählt Lesser Ury zu den bedeutendsten Vertretern der impressionistischen Freilichtmalerei in Deutschland. Ganz in der Tradition Adolph Menzels, doch mit sehr viel stärkerem Interesse für malerische Lichtbrechungen und Beleuchtungseffekte, ist Ury Zeit seines Lebens vor allem an Straßenszenen interessiert, die er in Berlin, aber auch auf Reisen in London oder Paris festhält.
Betrachtet man das Bild „Siegesallee mit Siegessäule im Sommer, Berlin“, spürt man förmlich die sommerliche Stimmung, die Ury in unserem kleinen Gemälde eingefangen hat. Im Zentrum des Bildes steht eine breite
Allee. Die schwarzen Automobile befahren die Straße in beiden Richtungen. Der Blick ist in die Ferne gerichtet. Mittig erkennt man die Berliner Siegessäule, wie sie funkelnd in den Himmel emporwächst. An diesem Punkt treffen Straße, Himmel und Bäume zusammen. Am Straßenrand reihen sich dicht nebeneinander Bäume in sattem Grün auf. Einige dezent gekleidete Spaziergänger flanieren im Schatten der Bäume die Allee entlang. Ury baut seine Bilder aus Flecken starker Farben auf.
Diese überträgt er direkt von der Natur auf die Leinwand, indem er versucht, den Tonwert der Farbe zu fixieren. Dies geschieht jedoch nicht im Sinne eines impressionistischen Programms, nach dem die durch das Licht getrennten Flecken erst durch das Auge gebunden werden. Der Maler vermeidet die grautonige Luftmalerei, die alles in einen leichten Schleier hüllt, denn er will vor allem leuchtende, starke Farben wiedergeben, wie sie ihm beispielsweise mit dem saftigen Grün der Bäume gelingen, das satt hervorleuchtet. Ury verfügt dabei weder über ein Farbsystem noch reflektiert er seine Vorgehensweise. Es ist vielmehr eine intuitive, emotionale Leistung, die er im Schaffen vollbringt. Der Kunstkritiker Franz Servaes beschreibt schon früh die Verfahrensweise des Malers treffend, indem er ausführt, Ury sei „nicht auf Wiedergabe der den Dingen anhaftenden Eigenfarbe aus“, sondern er studiere „die Veränderungen, denen diese Eigenfarbe durch die Entwicklung atmosphärischer Einflüsse und durch das nachbarliche Zusammenstoßen verschiedenartiger Farbenelemente ausgesetzt ist.“1 Ury zeige wie das Blattgrün in der Nähe eines roten Daches „für das menschliche Auge eine gelbe Nuance“ bekomme, „während es sich gegen das lichte Himmelsblau in dunklerem Blau“2
abhebe.
So nah Ury in seinen Arbeiten der Wirklichkeit sein mag, sie sind keine bloßen Abbilder eines Stücks gesehener Natur. Die Momentaufnahme einer so gesehenen Szenerie interessiert ihn wenig. Der Künstler will in den Bildern vielmehr seinem eigenen Erleben Ausdruck verleihen. So abstrahiert Ury von der existenten Wirklichkeit, er gibt den Dingen ein von ihrer Eigenfarbe losgelöstes Kolorit. Ein Gesamterlebnis von Licht und Raum breitet sich vor dem Betrachter aus.
1 Vgl. Hermann Schlögl/Karl Schwarz, „Lesser Ury – Zauber des Lichts“,
Berlin 1995, S. 77.
2 Franz Servaes, „Lesser Ury“, in: Die Zukunft 33, Berlin 1900, S. 336.
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