Überblick Lesser Ury, Straße im Tiergarten, ca. 1925
Straße im Tiergarten
Pastell auf Malkarton ; ca. 1925 ; 35 x 49 cm | 13 3/4 x 19 1/3 in
Signiert
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Provenienz:
Privatsammlung Hamburg; Privatsammlung Berlin (?)
Ausstellung:
Wolfgang Werner KG, "6. Kunst- und Antiquitäten-Messe Hannover", Galerie und Orangerie Hannover-Herrenhausen 1974
Literatur:
Galerie Ludorff, "Max Liebermann und Lesser Ury", Kat. 103, Düsseldorf 2002
Neben Max Liebermann ist Lesser Ury einer der bedeutendsten Vertreter der impressionistischen Freilichtmalerei in Deutschland. Seine zahl­reichen Straßenszenen entstehen vor allem in Berlin, aber auch auf Reisen in London oder Paris. Wenn man »Straße im Tiergarten« be­­trachtet, scheint man in ein Meer von Farben einzutauchen. Der Betrachter steht in der Mitte einer mehrspurigen Allee. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, er verliert sich im Himmelblau zwischen den Bäumen. Die breite Allee wird von einer gelben Straßenbahn rechts im Bild ge­­säumt. Am Straßenrand reihen sich dicht nebeneinander Bäume in sattem Grün auf. Als kompositorisches Pendant zum Asphalt der Straße wird zwischen den Bäumen der Blick auf den Himmel frei. Wie ein hellblauer, von weißen Wolken durchzogener Keil tut er sich auf und lässt die Bäume in den prächtigsten Nuancen von Dunkel- über Hellgrün bis hin zu Gelb erstrahlen. Zahlreiche Lichtpunkte tanzen fröhlich in diesem spätsommerlichen Farbreigen und sorgen für eine leichte Bewegung. Die Spaziergänger sind farbenfroh be­­kleidet. Das Licht wirft bereits längere Schatten auf den Asphalt, der in unterschiedlichen Farbnuancen von Braun und Grau, aber auch kräftigem Rot, Gelb und Blau angelegt ist. Ury baut seine Bilder aus Flecken starker Farben auf, die er direkt auf die Leinwand überträgt und so versucht, den Ton­­wert der Farbe zu fixieren. Dies geschieht jedoch nicht im Sinne eines impressionistischen Programms, nach dem die durch das Licht getrennten Flecken erst durch das Auge gebunden werden. Er vermeidet die grautonige Luftmalerei, die alles in einen leichten Schleier hüllt, denn er will vor allem leuchtende, starke Farben wiedergeben, wie sie ihm beispielsweise mit dem saftigen Grün der Bäume gelingen, das bei aller Sattheit hervorleuchtet.1 Dies ist eine intuitive, emotionale Leistung, die Ury im Schaffen vollbringt. Der Kunstkritiker Franz Servaes beschreibt schon früh Urys Verfahrensweise, indem er ausführt, Ury sei »nicht auf Wiedergabe der den Dingen anhaftenden Eigenfarbe aus«, sondern er studiere »die Ver­änderungen, denen diese Eigenfarbe durch die Ent­­wick­lung atmosphärischer Einflüsse und durch das nach­­barliche Zusammenstoßen verschiedenartiger Farben­elemente ausgesetzt ist.« Ury zeige wie das Blattgrün in der Nähe eines roten Daches »für das menschliche Auge eine gelbe Nuance« bekomme, »während es sich gegen das lichte Himmelsblau in dunklerem Blau«2 abhebe.
So nah Ury in seinen Arbeiten der Wirklichkeit sein mag, sie sind keine bloßen Abbilder eines Stücks gesehener Natur. Die Momentaufnahme einer sogesehenen Sze­nerie interessiert ihn wenig. Der Künstler will in den Bildern vielmehr seinem eigenen Erleben Ausdruck verleihen. So abstrahiert Ury von der existenten Wirklichkeit, er gibt den Dingen ein von ihrer Eigenfarbe losgelöstes Ko­­lorit. Ein Gesamterlebnis von Licht und Raum breitet sich vor dem Betrachter aus.

1. Vgl. Hermann Schlögl/Karl Schwarz, »Lesser Ury – Zauber des Lichts«, Berlin 1995, S. 77.
2. Franz Servaes, »Lesser Ury«, in: Die Zukunft 33, Berlin 1900, S. 336.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com