Überblick Lesser Ury, Unter den Linden, um 1925
Unter den Linden
Öl auf Leinwand ; um 1925 ; 35 x 50 cm
Signiert
Expertise: Dr. Sibylle Groß, Berlin
Wärme liegt in der Luft der Großstadt. In frischem, klarem Grün-Gelb leuchten die Kronen der Bäume, welche die Allee „Unter den Linden“ säumen. Die Sonnenstrahlen durchbrechen an einigen Stellen das dichte Laub und erzeugen helle bewegte Partien auf den Gehwegen. Eine Vielzahl von Automobilen fährt entlang des in die Tiefe fluchtenden Boulevards, sie drängeln sich entlang des linken Bürgersteiges, halten dort an, scheren aus oder stehen in zweiter Reihe. Inmitten dieses Getümmels fahren zwei Omnibusse, auf denen sich die Farben der Baumkronen und das helle Licht des Tages spiegeln, dicht aneinander vorbei. Die Fassaden der die Straße säumenden Gebäude und die Passanten links treten wie Teile einer Kulisse oder Statisten stärker in den Hintergrund. Über den Dachfirsten der nur mit einigen zielsicher-entschlossenen Pinselstrichen angedeuteten Fronten ragt eine grünliche Kuppel in den Himmel empor. Es könnte sich dabei um das Dach des Café Bauer handeln, welches dem legendären Café Kranzler an der Kreuzung Unter den Linden und Friedrichstraße gegenüber lag.1) Ury ist Gast im Café Bauer gewesen, um Szenen aus dem Inneren und den verschiedenen Zimmern des luxuriösen Cafèhauses zu erhaschen. Häufig gibt er die rauchgeschwängerte Luft mit den vielen kaffetrinkenden und rauchenden Gästen wieder. Im Gegensatz zur schummrigen Atmosphäre vieler Caféhaus-Werke strahlt unser Querformat „Unter den Linden“ eine positive frühsommerliche Stimmung aus. Lichtkontraste sind Träger des flüchtigen Moments. In Lesser Urys OEuvre bilden die Großstadtdarstellungen ein zentrales Sujet, mit dem er sich zu sämtlichen Jahreszeiten
beschäftigt. Elementare Motive des städtischen Erscheinungsbildes sind – so auch in unserem Gemälde – die Litfass-Säule oder die Automobile. Letztgenannte erhielten erst zögerlich Einzug in seine Bilder, wie Carl Schapira berichtet: „Diese Fremdheit der Technik gegenüber verhinderte Lesser Ury jahrelang Automobile zu malen. Zu einer Zeit, d.h. um 1920, als es schon viele Autos gab, waren es immer noch Pferdedroschken, die seine Berliner-Straßen-Bilder belebten. Ich sprach mit ihm darüber und er sagte mir, dass die Berliner Autos sich seinem Gehirn und Auge noch nicht einprägen. Es wären vor allem zu wenige.“2) Dies ändert sich jedoch bald und bereits unser um 1925 entstandenes Werk zeigt, wie allgegenwärtig die Automobile auch in Urys Darstellungen von Berlin geworden sind.

Anmerkungen.:
1) Laut Expertise von Dr. Sibylle Groß, Berlin.
2) Brief von Carl Schapira, vom 29. September 1955, Jerusalem, The Jewish National University Library, zitiert nach: Hermann Schlögl/Karl Schwarz, „Lesser Ury – Zauber des Lichts“, Ausst.-Kat. Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin 1995, S. 51.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com