Überblick August Macke, Café-Szene in Tunesien, 1914
Café-Szene in Tunesien
Kreide auf Papier ; 1914 ; 14 x 9 cm
Rückseitig mit dem Nachlassstempel versehen und von Dr. Wolfgang Macke (Sohn des Künstlers) "August Macke Tunesisches Skizzenbuch" bezeichnet sowie auf dem Unterlagekarton mit dem Nachlassstempel versehen und "Tunesisches Skizzenbuch 1914" bezeichnet
Bestätigung: Ursula Heiderich, Syke
Provenienz:
Sammlung Loeb, Bern; Privatsammlung Schweiz
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Drawn World: Zeichnungen von Menzel bis Warhol", Düsseldorf 2019
Sauerland-Museum, "August Macke. Ganz nah", Arnsberg 2019
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühling 2017", Düsseldorf 2017
Literatur:
Hochsauerlandkreis (Hg.), "August Macke. Ganz nah", Ausst.-Kat. Hochsauerland Museum, Arnsberg 2019
Galerie Ludorff, "Drawn World: Zeichnungen von Menzel bis Warhol", Düsseldorf 2019
Am 3. April 1914 treten die drei Künstlerfreunde Paul Klee, Louis Moilliet und August Macke ihre berühmte Tunisreise an, die zwar nur wenige Wochen dauert aber als besonders intensive und bedeutende Schaffensphase in die Kunstgeschichte eingeht. Macke fertigt in dieser Zeit 33 Aquarelle und 79 Zeichnungen an.1 Diese gelten heute als herausragende Beispiele für die kulturelle Begegnung des Okzidents und des Orients und als Höhepunkt im Schaffen des Künstlers. Mehrheitlich stilisierte der Westen die arabische Welt noch im frühen 20. Jahrhundert als mythenreiche Region der Fantasie. Dieser vom Exotismus verfremdeten Sichtweise, stand das Bestreben Mackes aber auch weiterer Künstler entgegen, sich der Vergeistigung der islamischen Welt und ihren herausragenden, kulturellen Errungenschaften mit neuem Blick zu widmen. So verbrachten beispielsweise auch Wassily Kandinsky und Gabriele Münter – lange vor Macke, Klee und Moilliet – über ein halbes Jahr in verschiedensten Regionen Afrikas, wie Ägypten, Libyen und auch Tunesien. Obwohl der Aufenthalt der Inspiration diente, ging es Macke jedoch nicht nur um die Erweiterung seines Formenrepertoirs sondern vor allem um die Begegnung mit dem Fremden. Die Darstellung der »Café-Szene in Tunesien« kann als Metapher dieses Anspruches gelesen werden. Macke beobachtet zwei mit einem Turban gekleidete Tunesier, die vor einem Straßencafé an einem Tisch sitzen. Der Künstler befindet sich jedoch im Inneren des Cafés und zeichnet die beiden Einheimischen durch die Öffnung einer Tür. Die Einheimischen sind einander zugeneigt und scheinen Kaffee oder Tee zu trinken und sich zu unterhalten. Den individuellen Ausdruck gibt Macke zugunsten der raschen Momentaufnahme der Zeichnung auf. Das Licht ist gleissend hell, weshalb sich Macke auf die Konturen der Figuren konzentriert und so die Momenthaftigkeit der Zeichnung noch betont. Die Türöffnung wird von abwechselnden hellen und dunklen Sandsteinblöcken gebildet, die Macke aufgreift um die Darstellung zum Blattrand zu begrenzen. Auf diese Weise huldigt er der lokalen Architektur und dem typischen Farbkontrast, der auch in dieser schwarz-weißen Zeichnung seine Wirkung entfaltet. Die zentralperspektivische Anordnung auf die Bildmitte und die beiden Sitzenden entfaltet eine Sogwirkung. Auf diese Weise lässt Macke den Betrachter an seiner Faszination für den Moment des Eintauchens in eine fremde Kultur und das Unbekannte spürbar teilhaben. Gleichzeitig dokumentiert das Bild auch die noch vorhandene kulturelle Distanz. Die Tür markiert eine konkrete Grenze zwischen Innen und Außen. Es bleibt unklar, in welche Richtung sie geöffnet ist. Zwischen den Dargestellten und dem Künstler befindet sich in der Türöffnung ein Tisch und ein Stuhl. Diese stellen eine Art Barriere zwischen beiden Welten dar. Der Stuhl ist Macke jedoch zugewandt. Im selben Moment könnte er also auf die Fremden zugehen und sich an den Tisch zu ihnen setzen. Es ist durchaus denkbar, dass Macke in dieser feinfühligen Zeichnung also auch danach fragt, wer Beobachter und wer Fremder ist. Mit unvoreingenommener Neugier wirft Macke seinen Blick auf zwei unterschiedliche aber dennoch wohlgesinnte Lebenswelten und bringt mit Leichtigkeit zu Papier, dass es ganz bei einem selbst liegt, die kulturelle Barriere zu überwinden, um das Fremde kennenzulernen.

1 Zentrum Paul Klee, Bern (Hg.), »Die Tunisreise 1914. Paul Klee. August Macke, Lous Moilliet«, Ausst.-Kat., Bern, 2014
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com