Überblick Max Ernst, Illustrationsvorlage zu B. Pérets "La brebis galante", 1949
Illustrationsvorlage zu B. Pérets "La brebis galante"
Collage und Tusche auf Papier ; 1949 ; 24 x 19,2 cm | 9 7/16 x 7 9/16 in
Signiert sowie rückseitig von fremder Hand “La Brebis Gal. 126 (après ch. 12)" beschriftet
Rückseitig von fremder Hand“La Brebis Gal. 126 (après ch. 12)"
Provenienz:
Galerie Bel'Art, Stockholm, Schweden; Ragnar von Holten, Stockholm, Schweden
Ausstellung:
Moderna Museet, Stockholm / Göteborgs Konsthall, Göteborg / Sundsvalls Museum, Sundsvall / Malmö Museum, Malmö, "Surrealism?", 1970
Literatur:
Werner Spies/Sigrid und Günter Metken, "Max Ernst Œuvre-Katalog Werke 1939-1953", Bd. V, Houston/Köln 1987
Moderna Museet, Stockholm / Göteborgs Konsthall, Göteborg / Sundsvalls Museum, Sundsvall / Malmö Museum, Malmö,"Surrealism?", Ausst. Kat., Stockholm 1970, Nr. 28, Abb. S. 14
Es vergeht beinahe kein Jahr im Schaffen von Max Ernst, in welchem sich der Künstler nicht auch der Illustration eigener Texte beziehungsweise derer seiner Freunde widmet.
Im Entstehungsjahr unseres Blattes lebt der in Brühl bei Bonn geborene Ernst bereits in Amerika. Der Mitbegründer der Dada-Bewegung war in Deutschland als entartet gebrandmarkt und mit einem Ausstellungsverbot belegt worden. Seine Werke wurden aus deutschen Museen entfernt. Obwohl Ernst bereits seit 1922 in Frankreich lebte und dort zu den Protagonisten des Surrealismus avancierte, stieß er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auch in seiner Wahlheimat auf erheblichen Widerstand und wurde als feindlicher Ausländer schließlich sogar interniert.
1941 flieht er mit Hilfe der amerikanischen Mäzenin Peggy Guggenheim in die USA . Nach nur kurzer Ehe mit Guggenheim bezieht Ernst 1946 mit der jungen Künstlerin Dorothea Tanning – seiner späteren zweiten Frau – ein Haus in Sedona, Arizona. Neben bedeutenden Gemälden und Skulpturen entstehen auch hier, in der Abgeschiedenheit der Berge, sehr spannende Illustrationen zu Texten und Dichtungen seiner Pariser Freunde. Das vorliegende Werk entsteht in eben dieser Zeit und dient als Illustrationsvorlage für den von Benjamin Péret verfassten Roman „La Brebis galante“ („Das galante Schaf“). Das Buch erscheint 1949 in einer Auflage von 300 Exemplaren. Der surrealistische Text wird von drei Radierungen und 22 Reproduktionen von Zeichnungen und Collagen von Max Ernst begleitet.
Die Darstellung selbst wird von zwei in schwarzer Tusche gemalten Dreiecksformen dominiert, welche die stilisierte Körperform eines Wesens in der Frontalansicht andeuten. Am kleineren Dreieck, dem scheinbaren Kopf des Wesens, befinden sich zwei Hörner. Die größere Dreiecksform deutet die Form eines Torsos an. Im Inneren dieser Torsoform befindet sich in Brusthöhe die aufgeklebte Abbildung eines Hemdausschnittes, durch dessen Armöffnungen sich eine Schlange hindurchzuschlängeln scheint. Darüber befindet sich eine weitere Darstellung einer zweiten Schlange in der Seitenansicht. Beide Zeichnungen scheinen wissenschaftlichen Quellen entlehnt zu sein, da Klein- und Großbuchstaben auf eine Legende der ursprünglichen Quelle hinzuweisen scheinen, die womöglich den Bewegungsablauf des Tieres erklären sollte. Seitlich zum unten spitz zulaufenden Torso befinden sich anstelle möglicher Beine die collagierten Darstellungen einer prähistorisch anmutenden Echsenkralle sowie eines vereinfacht dargestellten technischen Verbindungselementes. Die Entdeckung der Collagetechnik für sein Werk schildert Ernst in seiner Autobiografie wie folgt: „1919. An einem Regentag in Köln am Rhein erregt der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit. Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art, mathematische, geometrische, anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläonthologische und so fort, Elemente von so verschiedener Natur, daß die Absurdität ihrer Ansammlung blickverwirrend und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief, den dargestellten Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab. Ich fühlte mein ‚Sehvermögen‘ plötzlich so gesteigert, daß ich die neuentstandenen Objekte auf neuem Grund erscheinen sah.“1)
Das vorliegende Blatt vereint die sehr typische Verwendung von Abbildungen aus wissenschaftlichen wie auch nicht-wissenschaftlichen Quellen des Alltags mit sehr neuartigen Einflüssen der amerikanischen Umgebung. Seit seiner Ankunft in Arizona ist Ernst stark von der exotischen Volkskunst mit ihren vereinfachten Naturformen und Bemalungen und vor allem von der Kultur der Hopi- und Zuni-Indianer inspiriert, deren Reservate sich in der Nähe von Sedona befinden. 2) So kauft Ernst seit seinen ersten Reisen durch den Südwesten zahlreiche Kachina-Puppen und Masken der Pueblo-Indianer, an welche die vorliegende geometrisch stilisierte Tierform stark erinnert. In weiteren Illustrationen zu „La Brebis galante“ wird dieser Einfluss noch auffälliger.
Ernst stellt die Ausschnitte in einen für den Surrealismus typischen sinnverwirrenden Zusammenhang. Die angewandten Bildverfahren von Kombinatorik, Entfremdung und Metamorphose sollen Ernsts Vorstellung zufolge zu einer Bewusstseinserhellung, einem über der Realität 3) befindenden Verständnis der Welt beitragen. Ernsts Collagen stellen somit keine Illustrationen des Textes von Péret dar. Bild und Wort sollen vielmehr wechselseitig die Vorstellungskraft anregen.

Anm.:
) Max Ernst, „Entstehung der Collage“, in: „Max Ernst. Biographische Notizen. Wahrheitsgewebe und Lügengewebe“, zit. nach Ausst.-Kat. Zürich/Köln 1962/63, S. 24.
2) Vgl. Lothar Fischer, „Max Ernst in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, Reinbeck
bei Hamburg 1969.
3) Die Bezeichnung Surrealismus ist von dem französischen „sûr realité“ abgeleitet,
was so viel bedeutet wie „über der Realität“.
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