Überblick Pablo Picasso, Les Déjeuners, 1961
Les Déjeuners
Bleistift auf Papier ; 1961 ; 27 x 43 cm
Signiert und "25.8.61.III" datiert
Galerie Leiris, Paris
Provenienz:
Atelier des Künstlers; Galerie Louise Leiris, Paris (erworben vom Künstler); Sammlung Alberto Bellini, Florenz
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Herbst 2014", Düsseldorf 2014
Literatur:
Christian Zervos, "Pablo Picasso, Oeuvres de 1961 à 1962", Bd. 20, Paris 1968
Douglas Cooper, "Pablo Picasso. Les Déjeuners", Paris 1962
Wenn es eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.1

Pablo Picasso Von Anbeginn seines künstlerischen Schaffens setzt sich Pablo Picasso mit Ikonen der Malereigeschichte etwa von Rembrandt, Diego Velázquez, Jacques-Louis David, Eugène Delacroix und Gustave Courbet auseinander. So entstehen wiederkehrend Werke und häufig ganze Werkreihen mit deutlichem Bezug zu zentralen Hauptwerken der Kunstgeschichte. Seit 1959 scheint Picasso in den Bann von Édouard Manets berühmtem Gemälde Frühstück im Grünen (Déjeuner sur l’Herbe) aus dem Jahre 1863 gezogen worden zu sein. In den folgenden Jahren entstehen 27 Gemälde und einige bedeutende Zeichnungen zu diesem Thema.2 Manet diente Picasso aber lediglich als Inspirationsquelle, betont der Picasso-Experte Douglas Cooper.2 Vielmehr gelingt es Picasso, dem Vorbild im Laufe der Zeit eine eigenständige Komposition abzuringen und sich vom Original Manets Schritt für Schritt zu lösen. Die vorliegende Zeichnung Les Déjeuners ist ein Paradebeispiel für diese Loslösung, die in wenigen raschen und wohlgesetzten Strichen erfolgt. Die Figuren aus Manets Original, ein weiblicher Akt (Victorine Meurent, Manets beliebtestes Modell), zwei bekleidete Männer die sie umgeben (Manets Schwager zur Linken und Manets Bruder im Profil zur Rechten) und eine anonyme Badende im Hintergrund, sind in der Bleistiftzeichnung von 1961 noch recht eindeutig wiedererkennbar. Dennoch nimmt Picasso wesentliche Änderungen vor. Während Manets Victorine sich trotz ihrer Nacktheit noch gekonnt bedeckt hält, stellt Picasso die weiblichen Geschlechtsmerkmale der Dargestellten für den Betrachter sehr deutlich zur Schau. Wie im Traum versunken, hat sie die Augen nun jedoch geschlossen und saugt verführerisch an einem ihrer Finger. Die traumhafte Wirkung der gesamten Darstellung wird zusätzlich verstärkt, indem Picasso die liegende weibliche Person mit dem im rechten Vordergrund sitzenden nun deutlich gealterten Mann im Bereich der Beine verschmelzen lässt. Der zweite Mann wird in Picassos Interpretation in den Hintergrund gedrängt. Er beobachtet von dort aus auf dem Bauch liegend als Voyeur das Geschehen. Während die im Hintergrund Badende bei Manet noch ein leichtes Badekleid trug und sich bückte, um Wasser zu schöpfen, gibt Picasso auch ihre Weiblichkeit im Detail preis und lässt sie nun eine Blume pflücken. Picassos großes Interesse für den weiblichen Körper und für die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau wird auch in unserem Werk zum Ausdruck gebracht. So steht der weibliche Körper im Fokus der Darstellung, ebenso die Betonung der Ungleichheit des Paares, die Picasso sogar in zweifacher Ausführung im Vorder- wie auch im Hintergrund zum Ausdruck bringt. Des Weiteren sind seine Werke nur selten frei von biographischen Bezügen. So erinnern die Gesichtsform und die Frisur der Liegenden an Jacqueline Roque, Picassos zweite Frau, die er im Entstehungsjahr unserer Zeichnung (1961) heiratet. Das Profil des weisen Mannes mit dem ausgestreckten Arm ist zwar nicht im realistischen Sinne als Selbstportrait aufzufassen. Dennoch entstehen gerade in Picassos Spätwerk immer häufiger Darstellungen, die sich mit dem Motiv des betagten, häufig antikisiert wirkenden, bärtigen Mannes und einem deutlich jüngeren, weiblichen Modell beschäftigen. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters und der Häufigkeit dieses Motivs in seinem Spätwerk liegt eine Identifikation des Künstlers mit dem Dargestellten nahe. Neben dem Eigenständigen und dem Biographischen sollte man zuvorderst aber die faszinierende technische Fertigkeit Picassos würdigen, mit der er die vorliegende Zeichnung geschaffen hat. Mit sicherem Strich deutet Picasso das ihm Wesentliche an und lässt allzu Beiläufiges auch in unserem Werk weg. So reduziert er den eigentlichen Schauplatz der intimen Szenerie in freier Natur auf eine einzige, gewellte Linie im Hintergrund, welche die Böschung am Ufer des kleinen Teiches andeutet. Picasso weiß um die Wirkung seiner Zeichnung sehr genau. Durch die Positionierung und die Körperhaltung der Personen wird das kollektive kunstgeschichtliche Wissen um das Meisterwerk Manets aktiviert. Nicht zuletzt durch den Titel weiß der Betrachter sofort, um welche Situation es sich handelt und auf welches Werk sich Picasso bezieht. Der Betrachter vervollständigt die natürliche Umgebung im Geiste, konzentriert seine Wahrnehmung jedoch auf die dargestellten Personen und die möglichen Beziehungen der Personen untereinander. Picasso führt die arkadische Szenerie Manets mit großer Fantasie und dem ihm typischen Selbstbewusstsein fort und treibt die gelassene Stimmung mit der Entblößung aller auf die Spitze. Mittels seiner herausragenden zeichnerischen Fähigkeiten schafft Picasso auf diese Weise ein bedeutendes Meisterwerk der modernen Zeichnung des 20. Jahrhunderts.

Elisabeth Felix, Studentin der Kunstgeschichte an der Universität Düsseldorf

1 Zit. in Hélène Parmelin, „Picasso sagt…“, München 1967, S. 142.
2 Vgl. Maria Teresa Ocana, Evelyn Weiss (Hg.), „Picasso. Die Sammlung Ludwig!”, Ausst.-Kat. Museum Ludwig, Köln 1993, S. 75.
3 Vgl. Douglas Cooper, „Pablo Picasso. Les Déjeuners“, Paris 1962.
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