Überblick Ernst Ludwig Kirchner, Paar im Gespräch, Erna und Gewecke, ca. 1912
Paar im Gespräch, Erna und Gewecke
Bleistift auf Velin ; ca. 1912 ; 28 x 36 cm
Rückseitig mit dem Basler Nachlassstempel versehen irrtümlich, weil vermutlich in Berlin entstanden "B Dre /Bi 139" sowie "K 2415", "C 1069" und "2040" nummeriert
Provenienz:
Nachlass des Künstlers; Wolfgang Werner, Bremen (1980); Helen Serger La Boetie, New York (1984); Galerie Ilse Schweinsteiger, München (1993); Galerie Kornfeld, Bern (2003); Privatsammlung Bern
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Drawn World: Zeichnungen von Menzel bis Warhol", Düsseldorf 2019
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2016", Düsseldorf 2016
Literatur:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Frühjahr 2016", Düsseldorf 2016
Galerie Welz, "Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) Ölbilder - Aquarelle - Zeichnungen", Ausst.-Kat., Salzburg 1995
Galerie Ilse Schweinsteiger, Ausst.-Kat., München 1993
Kunsthandel Wolfgang Werner, "Max Pechstein - Brücke period and works by Heckel, Nolde, Kirchner, Schmidt-Rottluff", Ausst.-Kat., Bremen 1984
Helen Serger/La Boetie, "Max Pechstein and works by Heckel, Nolde, Kirschner, Schmidt-Rottluff. In collaboration with Kunsthandel Wolfgang Werner KG", Ausst.-Kat., New York 1984
Kunsthandel Wolfgang Werner, "Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnung, Druckgraphik. Ausstellung zum 100. Geburtstag", Ausst.-Kat., Bremen 1980
Am 7. Juni 1905 gründet Ernst Ludwig Kirchner zusammen mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden die Künstlervereinigung »Die Brücke«, die den Expressionismus in Deutschland ausschlag­gebend prägt und einen großen Einfluss auf die moderne Malerei des 20. Jahrhunderts hat. Inspiriert von den französischen Fauves, aber auch von skandinavischen Malern wie Edvard Munch, entwickelt Kirchner in dieser wichtigen frühen Schaffensphase einen ganz eigenständigen, innovativen und ausdrucksstarken Stil, der seine Arbeiten unverkennbar macht und viele nachfolgende Künstler inspiriert.
Unsere Bleistiftzeichnung »Paar im Gespräch, Erna und Gewecke« entsteht in demselben Jahr, in dem Kirchner die Berliner Tänzerin Erna Schilling kennenlernt, die ihm nach Davos folgt und bis zu seinem Tod im Jahr 1938 als Lebensgefährtin an seiner Seite steht. Mit raschem Strich und sicheren Linien ist das auf einem Divan sitzende Paar gezeichnet. Erna stützt sich auf ihre rechte Hand, die sich wiederum auf dem Knie des neben ihr befindlichen Gesprächspartners und guten Freundes Hans Gewecke – einem Schüler Ernst Ludwig Kirchners – befindet. Die Beine hat Erna angewinkelt zur anderen Seite abgelegt. Die linke Hand greift an die linke Fessel, wo Erna ebenfalls Halt sucht.
Während die junge Frau mit Rock und Bluse eher leger gekleidet ist, hat Gewecke noch nicht einmal sein Jackett ausgezogen, um es sich gemütlich zu machen. Anders als die ausbalanciert positionierte Erna sitzt Gewecke mit aufrechter Haltung und übereinander geschlagenen Beinen eher steif neben der Partnerin Kirchners. Er scheint die Nähe Ernas zwar zu genießen, die spontane Berührung aber mit einem gewissen Erstaunen aufzunehmen. Während seine rechte Hand in der Hosentasche verweilt, hat er die linke gestikulierend erhoben. Die Blicke der beiden sind dem Künstler bzw. dem Betrachter zugerichtet und beziehen diesen hierdurch in die intime Situation mit ein.
Kräftige schwarze Linien geben der Darstellung Form und Halt. Es sind aber nicht allein die markanten Umrisslinien, die der Darstellung den für Kirchner typischen Charakter verleihen. Die Spannung erzeugt der Künstler vielmehr mit mehreren sehr unruhigen, geschwungenen Linien.
Über die exakte Umgebung lässt uns Kirchner im Unklaren. Er blendet das Mobiliar und die Umgebung aus und konzentriert sich allein auf die Darstellung des Paares. Hierdurch verleiht er der energiegeladenen Situ­ation eine große Leichtigkeit, die den herausragenden Expressionisten verrät.
Kirchner hat sein Skizzenbuch stets zur Hand, um Situationen und Erlebnisse mit dem Stift rasch einzufangen. Sein Augenmerk richtet sich dabei vor allem auf die Gesamtheit von Figur, Raum und Bewegung. Die schnelle Notation des Wahrgenommenen bleibt für Kirchner in allen Schaffensphasen bedeutungsvoll: »Ich lernte den ersten Wurf schätzen, so dass die ersten Skizzen und Zeichnungen für mich den großen Wert hatten. Was habe ich mich oft geschunden, das bewusst zu vollenden auf der Leinwand, was ich ohne Mühe in Trance auf der Skizze ohne weiteres hingeworfen hatte.«1

1 Ernst Ludwig Kirchner, »Die Arbeit E. L. Kirchners«, um 1925/26, in: Eberhard W. Kornfeld, »Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnungen seines Lebens«, Bern 1979, rezitiert in: Magdalena M. Moeller/Roland Scotti (Hg.), »Ernst Ludwig Kirchner – Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik – Eine Ausstellung zum 60. Todestag«, Ausst.-Kat., München 1998, S. 12.
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