Überblick Georg Kolbe, Sitzende, 1923
Sitzende
Bronze ; 1923 ; 23 x 12 x 14 cm
Signiert mit dem Monogramm und mit dem Gießerstempel "H. Noack, Berlin-Friedenau" rückseitig auf der Plinthe versehen
Dr. Ursel Berger, vormals Direktorin des Georg-Kolbe-Museum, Berlin
Provenienz:
Galerie Pels-Leusden, Berlin; Privatsammlung Norddeutschland (seit 1995)
Literatur:
Ursel Berger, "Georg Kolbe – Leben und Werk mit dem Katalog der Kolbe-Plastiken im Georg-Kolbe-Museum Berlin", Berlin 1990
Ursel Berger, "Georg Kolbe – Das plastische Werk", in: Weltkunst, 1985
Ludwig Justi, "Georg Kolbe", Berlin 1931
Losgelöst aus einem mythologischen oder genrebedingten Kontext und ohne den Ballast erzählender Attribute, ist der Mensch das Hauptinteresse im bildhauerischen Schaffen Georg Kolbes. Bis Mitte der zwanziger Jahre konzentriert sich der Künstler hauptsächlich auf den weiblichen Akt und stellt den menschlichen Körper in seiner puristischsten und reinsten Form dar. Dabei geht es ihm nicht, wie man auch an unserer Bronze »Sitzende« von 1923 ablesen kann, um eine detailgetreue, naturalistische Wiedergabe. Eher wird der menschliche Körper und seine Bewegungsmomente als spannungsgeladene Form aufgefasst. Dabei löst sich der Künstler vom althergebrachten, in der Kunstgeschichte etablierten Kanon und sucht bewusst nach expressiveren Körperhaltungen.
Auf einer Plinthe sitzend, stützt die junge Frau ihre Ellenbogen auf ihre zur Körpermitte hin angewinkelten Kniee. Die Füße sind überkreuzt, symmetrisch hierzu auch die Hände auf Schulterhöhe. Aus der Haltung resultierend ist der Rücken leicht gewölbt und ihre Körperspannung durchzieht die gesamte Figur bis in die Hände und Füße. Nur der Kopf, der leicht nach rechts gewendet ist, durchbricht den symmetrischen Aufbau der Figur. Dass es Kolbe um die Findung der reinen Form geht, zeigt
sich bei der »Sitzenden« beispielhaft. Das Bewegungsmoment ist so gewählt, dass ein harmonischer Spannungsbogen
zwischen geschlossener und gleichzeitig offener Formensprache entsteht. So sind die Hände und Füße vordem Körper verschränkt, während die angewinkelten Ellenbogen und Kniee den Blick auf die Körpermitte eröffnen. Die Körperformen werden abstrahiert, so sind weder Finger noch Zehen ausgearbeitet und auch der strenge Haarschnitt ist nur angedeutet. Auch die dunkel patinierte Oberfläche bleibt glatt und unbearbeitet, so dass sie das Licht reflektiert und die Körperlichkeit der Darstellung betont. Bemerkenswert ist, dass es Kolbe trotz seiner Akzentuierung auf die reine Form gelingt, seine Figuren zu »beseelen«. So wirken die Gesichtszüge der Sitzenden entspannt und ihre Augen sind geschlossen. Es scheint, als wäre sie gedanklich in sich gekehrt. Das Besondere an den Figuren Kolbes ist die Verbindung zwischen einer plastischen Strenge und Einfachheit mit einer inhaltlichen emotionalen Beseelung der Figur. »Kolbes Gestalten erzählen wenig, aber sie sagen viel.«1


1 In: Ursel Berger (Hg.), »Georg Kolbe 1877-1947«, Ausst.-Kat.
Georg Kolbe Museum, Berlin 1997, S.28
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