Überblick Andy Warhol, Flowers, 1964
Flowers
Farboffset Lithografie auf Velin ; 1964 ; Darstellung: 56 x 56 cm Blatt: 58,4 x 58,4 cm
Signiert und "64" datiert
Provenienz:
Privatsammlung Mittlerer Westen, USA (seit den 1960er Jahren)
Literatur:
Frayda Feldmann/Jorg Schellmann, "Andy Warhol Prints. A Catalogue Raisonné 1962-1987", New York 2003 (1985)
Andy Warhol gilt als führender Vertreter der amerikanischen Pop-Art. Durch ihn wurden die Bildnisse der Marilyn Monroe oder der Campbells´ Suppendosen fest in unser Bildgedächtnis eingeschrieben. Wie kaum einer seiner Zeitgenossen, verstand es Warhol die Idole und Banalitäten des Alltags zu filtern und ästhetisch zu überarbeiten, um die Bildwirkung zu verdichten und die absurde Trivialität der Motive ins Monumentale zu steigern. Sein Werk zeigt exemplarisch ein Alltagspanorama der Konsum- und Mediengesellschaft, ummodeliert hinter seiner kühlen, fast maschinell wirkenden Bildästhetik. Mit seinem seriellen Siebdruckverfahren wird die Herstellung des gewöhnlichen Tafelbildes vollends hinterfragt; das Unikat, die Einzigartigkeit eines Bildes verliert bei Warhol seine Bedeutung. Jeglicher künstlerischer Gestus geht verloren und hinterfragt so den Geniestatus des Künstlers. Warhol interessiert sich nicht für das Sublime, sein Sujet ist das der Plattitüde und dessen, was es mit dem Menschen macht. Daher stammen die fotografischen Vorlagen seiner Bildmotive meist aus Zeitungen oder aus Kitsch- und Promimagazinen. Auch die vorliegende Arbeit aus der Flowers-Serie hat ihren Ursprung in der Reproduktion einer Farbfotografie von Hibiskusblüten, die er in einer Zeitschrift gefunden hat und in unterschiedlichen Größen ab 1964 im Siebdruckverfahren verwendete.1) Während der grün-schwarze Hintergrund noch ein Gefühl von Tiefenwirkung vermittelt, erfahren die orange- und rosafarbigen Hibiskusblüten eine totale Flächigkeit. Die Blüten sind scharf umrissen und weisen ein leuchtendes Kolorit auf. Der kontrastreiche Hintergrund betont umso mehr die fast pulsierende Farbwirkung der Blüten. Das lebendige Leuchten wird dem Dunklen gegenüberstellt. Besonders reizvoll an dem Blatt ist gleichzeitig seine Oberfläche. Zwar ist jeglicher Duktus getilgt, weist keine Spur künstlerischer Produktion auf, doch ist gerade diese von bestechender Qualität. Viele Drucke Warhols wurden mit einer intendierten Nachlässigkeit hergestellt, wovon unser Blatt jedoch nicht betroffen ist, da die Flächen durchgehend sorgsam koloriert sind.
In erster Linie war Andy Warhol ein Ästhet. Sein Werk kann als eine Suche nach Schönheit verstanden werden. "Alles ist Kunst und nichts ist Kunst, weil ich denke, alles ist schön."2) Jeder Bereich des Alltagslebens sollte durch Warhol ästhetisiert und in die Sphäre der Kunst erhoben werden. Die Entfremdung zwischen Kunst und Gesellschaft sollte aufgehoben werden. Das Porträt der Monroe, aber selbst seine Katastrophen- und Desasterbilder spiegeln diesen Gedanken: Alles ist schön und nichts mehr als reine Oberfläche. So synthetisch und affektiert die Flowers nach Geltung ringen, so berauschend ist ihre Bildwirkung, sie lassen einen die Einfachheit des Motiv vergessen.
Spielerisch wird hier das seinerzeit überholte Genre des Blumenstilllebens neu inszeniert.

Anm.:
1) Bastian, Hainer, "Rituale Unerfüllbare Individualitäten. Der Verbleib der Emotionslosigkeit", in: Bastian Hainer (Hg.), "Andy-Warhol-Retrospektive" (Ausst-Kat.), Köln 2001, S. 41.
2) Zit. nach Bernhard Keber, "Amerikanische Kunst seit 1945. Ihre theoretischen Grundlagen", Stuttgart 1971, S. 128.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com