Überblick Erich Heckel, Am See, 1915
Am See
Tusche und Aquarellstift auf Blanko-Feldpostkarte ; 1915 ; 9 x 14 cm | 3 1/2 x 5 1/2 in
Rückseitig signiert
Rückseitig eigenhändig beschriebene Postkarte adressiert an Dr. Walter Kaesbach: "Morgen nach Dresden. Eine Dampferfahrt auf Müggel- und Flakensee brachte uns etwas Kühlung. Alle Ufer sind voll Badender. Besten Gruss von uns beiden. Ihr Heckel"
Expertise: Renate Ebner, Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Provenienz:
Sammlung Walter Kaesbach (1915-1961); Privatsammlung Süddeutschland
Literatur:
Galerie Ludorff, "Schöne Grüße. Künstlerpostkarten", Düsseldorf 2018, S. 34/35
Im Jahr 1905 werden in Deutschland erstmalig Postkarten erlaubt, deren Vorderseiten zur individuellen Gestaltung frei gelassen sind. In den folgenden Jahren erfreuen sich diese insbesondere bei Künstlern schnell einer großen Beliebtheit. Auch die Künstler der ›Brücke‹ nutzen das neuartige Kommunikationsmittel, um die wenigen frühen Sammler, Förderer und die sogenannten Passivmitglieder1 ihrer Künstlergemeinschaft über Geschehnisse, Neuigkeiten und Bildideen zu informieren.
Die vorliegende »Brücke-Postkarte« adressiert Erich Heckel an den Kunsthistoriker Walter Kaesbach, der seit 1909 Assistent von Ludwig Justi, dem Direktor der Berliner Nationalgalerie, ist und den Heckel 1913 in Berlin kennen­lernt. Kaesbach tätigt und vermittelt erste Ankäufe von Werken Heckels für das Museum und unterstützt diesen ebenso durch die Vermittlung bedeutender Auftragsarbeiten. Später wird Kaesbach zum Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie ernannt. Als wesentlicher Förderer der zeitgenössischen Avantgarde in Deutschland erwirbt er bereits früh einen führenden Ruf und gilt bis heute als einer der wesentlichen Förderer der »Brücke«.

Zwischen Heckel und Kaesbach besteht eine intensive, lebenslange Freundschaft, von der diese Postkarte mit dem Motiv Badender »Am See« zeugt. Am 11.6.1915 verschickt Heckel sie aus Berlin. Das Bildthema erinnert sehr an die frühen, unbefangenen Aktdarstellungen, die in den Sommermonaten der Dresdner Jahre an den Moritz­burger Teichen entstanden sind. Auch in der Ab­bildung dieser Postkarte zeigt uns Heckel Strandbesucher und Badende, die er nun – wie er rückseitig berichtet – während eines sommerlichen Ausflugs an den Flaken- und den Müggelsee – zwei der größten Badeseen im Berliner Umland – festhält.
Heckel fängt die Szene gekonnt in wenigen unruhigen Tuschestrichen ein und verleiht der Darstellung durch die Verwendung der reinen Primärfarben eine sehr in­tensive, sommerliche Erscheinung. Die Brücke-Postkarte versendet Heckel aber nicht mehr an Kaesbachs Privatadresse in Mönchengladbach. Vielmehr hat sich Kaesbach nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges freiwillig zum Sa­­nitätsdienst gemeldet und leitet nunmehr den Sanitätstrupp der Krankensammelstelle im belgischen Ostende. Durch seine leitende Funktion ist es Kaesbach möglich, während des Krieges eine ganze Reihe namhafter Künstler in den Sanitätsdienst aufzunehmen und vor dem Kriegsdienst zu bewahren. So treten u.a. Max Beckmann, Heinrich Nauen und später auch Heckel selbst dem Sanitätstrupp unter der Leitung von Kaesbach bei und bleiben so von den Kriegshandlungen versehrt.

1. Ab 1906 konnte man die Künstlergemeinschaft als sog. Passivmitglied fördern. Für einen Jahresbeitrag von anfänglich 12 und später 25 Mark erhielt man einmal im Jahr eine Jahresmappe mit Originalgraphiken der Künstler sowie einem Jahresbericht über die Aktivitäten der Gemeinschaft. Weitere bedeutende Passivmitglieder waren bspw. der Hamburger Landgerichtsdirektor Gustav Schiefler und die Kunsthistorikerin und Sammlerin Rosa Schapire.
Für weitere Informationen senden Sie bitte eine Email an: mail@ludorff.com