Überblick Emil Schumacher, Ohne Titel, 1974
Ohne Titel
Emaille auf Terrakotta ; 1974 ; 43 x 32 x 4 cm
Signiert und "74" datiert
Expertise: Dr. Ulrich Schumacher, Hagen
Provenienz:
Privatsammlung Schweiz
Ausstellung:
Galerie Ludorff, "Neuerwerbungen Herbst 2012", Düsseldorf 2012
Literatur:
Galerie Ludorff, "Skulptur I", Düsseldorf 2015
Die Natur dient Schumacher als ein unerschöpflicher Ideenfundus. Das Bewusstsein vom allgegenwärtigen Wirken der Natur als einer Energie, die hinter der Erscheinung der Dinge verborgen liegt, ist seinen Arbeiten immanent. Erdige Oberflächenstrukturen und konvexe Biegungen der Liniengeflechte, wie sie insbesondere gegen Mitte der siebziger Jahre anzutreffen sind, ergänzen die Assoziationen. Landschaftsverweise vermischen sich mit Vorstellungen elementarer Naturkraft, die eruptiv ausbricht, erkaltet, zerfällt und zum Rohstoff neuer Linien wird. Auf zahlreichen Reisen insbesondere an die nordafrikanische Mittelmeerküste und in die alpine Welt sucht der Künstler mehrmals jährlich den unmittelbaren Kontakt zur Landschaft, zur Tierwelt und einer naturnahen Lebensweise. Ohne Gesehenes oder Erlebtes abbilden zu wollen, entstehen seine Linien, Formen, Strukturen und Farbe gleichsam parallel zur Natur.
Schumacher verarbeitet Malerei zum Relief und zur Plastik, hebt sie auf eine sinnliche Stufe, die einzigartig ist. Er verbiegt Metallfolien, zerknetet und modelliert Papiermassen, zerschlägt Holz, schmilzt ganze Teerbrocken ein und befestigt sie als Klumpen im Bild. Oder er formt wie in unserer Arbeit „Ohne Titel“ von 1974 Terracotta zu einem von Hügeln, Kratern, Löchern und tiefen Furchen durchzogenem Relief, das anschließend mit Emailfarbe bemalt wird. Tiefes Ultramarinblau vermengt sich mit schwerem Schwarz, das in der irdenen Landschaft tiefe Spuren hinterlassen hat. Weißhöhungen blitzen hier und da auf, geben der Arbeit eine starke Leuchtkraft und verleihen gleichzeitig dem Relief ein hohes Maß an Plastizität. Schumacher fordert bei allem, was er tut, den Widerstand des Materials heraus. Kaum ein stoffliches Relikt existiert, das für ihn nicht bildwürdig wäre.
Den Schöpfungsakt beschreibt Schumacher mit folgenden Worten: „Ich gehe das Bild unmittelbar an, dabei kommt es zu einer Begegnung des Materials mit mir, wobei ich ihm den Willen lasse, denn ich habe erfahren, das es weiser ist als alle Berechnung. Handwerk, Technik, Erregung sind eins. Die Farben reißen die Formen an sich, die Zeichen verlangen die Farben – indem ich mich mitreißen lasse, gewinne ich mein Bild.“1) Dabei weiß Schumacher um die spezifischen Fähigkeiten einer Farbe, er kennt die Schwingungswerte seiner Materialien und die durch sie auszulösenden Assoziationsketten. Der Farbwert in seiner unendlichen Vielfalt drückt emotionale, sensitive Empfindungen, Wahrnehmungen und Reaktionen aus, die sich im Augenblick der schöpferischen Handlung zu einem Ausdruckzeichen verdichten.
Schumachers Malerei ist großzügig und kraftvoll, zugleich aber auch von einer ungemeinen Sensibilität getragen, die um die Notwendigkeit der malerischen Nuancen und graphischen Wertigkeiten weiß. Seine Bilder sind herb im Aufzeigen ihrer Materialbezogenheit, in der Vehemenz einer eingegrabenen und aufreißenden Strichführung, und sie konfrontieren im selben Augenblick mit der verhaltenen Poesie des organisch Gewachsenen, mit der unanzweifelbaren Richtigkeit einer überlegten Gestik und inneren Rhythmik, die sich durch Ruhe und Geschlossenheit auszeichnet. Wandlung als Phänomen an sich wird vor Augen geführt. So erweist sich seine Kunst als Huldigung an alles Lebendige.
„Breite ich den Punkt aus, verstärkten sich die Spannungen. Eine zweite solche Scheibe, eine dritte, eine vierte, – alle gleich groß, ergaben schon eine höchst komplizierte Formrelation. Auch entstand dabei eine Mehrzahl von Farben, wenn ich jeder Scheibe eine andere Farbe gab, das konnte als chromatische Reihe angesehen werden. Die Zwischenräume ergaben Formen, und diese konnten ganz mechanisch mit den gleichen Farben in einem bestimmten Wechsel zu einer Wellblechflächengestalt entwickelt werden, so dass eine Verzahnung geschah. Nun konnte eine Reihe kleinerer Scheiben in den gleichen Farben hineingearbeitet werden, farbig reziprok mit gleichen Negativverzahnungen. Wieder ergaben sich abstrakt figurative Veranstaltungen. Diese Art, ein Bildganzes zu versuchen, ermöglichte unendliche Variationen. […] Jene Synthese wurde dadurch möglich, und sie geschah auch, die Synthese, die eigentlich Kunstwerk ist, eine körperlich, geistig, seelische Synthese mit einer dem heutigen Menschen zugänglichen Aussage, die nichts anderes enthält als den Menschen selbst, nichts außer diesem, kein Außen im transzendenten Sinne, im religiösen Sinne, sondern ein Außen und Innen, einen Körper und Geist zugleich. […] Wesentlich ist zu meiner Art von Scherkeibenfindung zu sagen, dass sie rein artistischer Natur ist […]. Eine willentliche Absicht liegt in der Erfindung der Scheiben ganz und gar nicht. Der Prozess des Kunstwerkes steht in den Sternen! D. h. ist unabhängig und ein Prozess in sich. Eine Malerei an sich gibt es nicht, aber es gibt eine malerische Kreation, die aus jeder Epoche anders erklingen muss. Diese Kreation ist immer mehr als jede weltanschauliche Manifestation, auch wenn diese als Flächenkunst sich vorstellt.“1)

Anm.: 1)Emil Schumacher (1957), zit. nach: „Emil Schumacher, Arbeiten auf Papier
1957-1958“, Ausst.-Kat, Hannover, Darmstadt, Ludwigshafen 1982, S. 41.
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